Trainingspraxis Laufen 2


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Neuerscheinung


Neuerscheinung – Trainingskonzepte


2. Auflage


Buchtipp – Das große Laufbuch von Lothar Pöhlitz


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Nachwuchsleistungssport in Deutschland - Leipziger Positionen

Wege an die Spitze – Herausforderungen, Schwerpunkte und Anforderungen aus der Sicht von Trainingswissenschaft und – Trainingspraxis*

14. Oktober 2013, © Lothar Pöhlitz - Vorbemerkungen Sport und Politik bekennen sich zur herausragenden gesellschaftlichen und politischen Bedeutung des Spitzensports und streben auch zukünftig „eine führende Position im Weltsport“ an (29). Um diese langfristig zu sichern, bedarf es der Entwicklung von sportlichen Spitzenleistungen durch eine systematische Nachwuchsförderung. Hierfür ist sportartübergreifend wie auch sportartspezifisch eine strategisch ausgerichtete Steuerung und Förderung des Nachwuchs-leistungssports erforderlich (110).

Die Leipziger Positionen richten sich sportartübergreifend an Trainer und verantwortliche Gestalter im deutschen Nachwuchsleistungssport. Sie wurden anhand des aktuellen Forschungsstands zu Karriereentwicklung und langfristigem Leistungsaufbau (LLA) sowie der langjährigen Erfahrungen im Nachwuchsleistungssport tätiger Trainer und Trainingswissenschaftler erarbeitet. Sie sollen Anforderungen für die erfolgreiche Entwicklung begabter Nachwuchssportler bis zum Spitzenathleten und Potenziale für die Verbesserung des Nachwuchsleistungssportsystems aufzeigen.

Ausgangslage

Die Annahme dass Deutschland im Juniorenbereich zu den erfolgreichsten Nationen zählt und danach den Anschluss an die Weltspitze verliert ist in einer großen Anzahl von Sportarten nicht mehr zutreffend. Deutsche Sportler weisen teilweise bereits in den Etappen des Anschluss- und Aufbautrainings erhebliche Rückstände zur Weltspitze auf die im Hochleistungsbereich nicht aufzuholen sind. Ursachen hierfür sind unter anderem:

  • die fehlende Systematik und sportartübergreifende Koordination der Talentsuche,
  • das Kopieren der Trainings- und Wettkampfprogramme aus dem Spitzenbereich,
  • einem zu starken Fokus auf kurzfristige Erfolge und zu früher Spezialisierung statt auf der Ausbildung perspektivisch bedeutsamer Leistungsvoraussetzungen und vielseitiger motorischer Grundausbildung,
  • der Ausweitung des Wettkampfsystems und Einführung zusätzlicher internationaler Wettkampfhöhepunkte im Jugend- und Juniorenbereich,
  • der teils zu gering ausgeprägten Belastbarkeit und mangelhaft ausgebildete Leistungsvoraussetzungen beim Übergang aus dem Junioren- in den Spitzenbereich,
  • dem Mangel an qualifizierten hauptamtlichen Trainern, die mit unbefristeten oder langfristigen Verträgen ausgestattet sind,
  • einer ungenügende Steuerung des Gesamtprozesses der Nachwuchsleistungssportförderung und Abstimmung von Fördermaßnahmen; fehlende Durchsetzung der Richtlinienkompetenz in vielen Spitzenverbänden,
  • der Unterrepräsentation von Talentidentifikation und -entwicklung in bestehenden Konzepten und Strategien und ungenügender Transfer relevanter sportwissenschaftlicher Befunde in die Sportpraxis,
  • einer zu starken Ausrichtung des Fördersystems auf frühe Leistungsauffälligkeit und Wettkampferfolge und damit keine Berücksichtigung systematischer Talent-Transfer-Konzepte und alternativer Fördermöglichkeiten für Spät- oder Quereinsteiger,
  • den hohen Drop-out-Quoten vor dem Übergang in den Spitzenbereich durch die ungenügende Vereinbarkeit von Leistungssport und schulisch-beruflicher Karriere,
  • dem fehlenden Gestaltungswillen sowie Mut zur Durchsetzung innovativer Ideen und Wege.

Theoretische Grundlagen

Als theoretischer Rahmen der Leipziger Positionen wird ein Modell auf der Grundlage des differenzierten Modells von Begabung und Talent von Gagné (40; 41) herangezogen. Die nachfolgenden Positionen werden den im Modell dargestellten „Bausteinen“ Begabungen, Talententwicklung, Spitzenleistung sowie Umfeld und Förderung zugeordnet.

Die aktuell diskutierten Ansätze zur Erklärung von Hochbegabung bzw. Talent stimmen darin überein, dass eine Unterscheidung zwischen Begabung (bzw. Potenzial) und Leistung vorzunehmen ist (2; 40; 41; 49; 50; 86; 113; 114). Begabungen sind der Besitz und die Anwendung außergewöhnlicher, natürlicher Fähigkeiten, welche jedoch nicht unbedingt angeboren sein müssen (2; 41; 49; 96). Die (Spitzen-) Leistung hingegen kennzeichnet sich durch die hohe Ausprägung personaler Leistungsvoraussetzungen. Die Begabungen stellen gewissermaßen die Rohmaterialien für spätere Spitzenleistungen dar. Das Erbringen von Höchstleistungen im Sport setzt dementsprechend das vorhanden sein überdurchschnittlicher Begabungen voraus. Andererseits wird ohne systematisches Training und Wettkampfpraxis (Talententwicklung) die Begabung niemals in die entsprechende außergewöhnliche Leistung umgesetzt werden (41; 101). Sowohl die Begabungen wie auch die Leistung sind hoch komplex und stetigen Veränderungen unterworfen. Der Zusammenhang zwischen Begabung und Leistung ist nicht linear und wird wiederum durch eine Vielzahl von Umfeldfaktoren (z. B. Unterstützung durch Eltern, Trainerqualität, Zugang zu Fördereinrichtungen) beeinflusst. Diese Faktoren können den Prozess der Talententwicklung befördern.

Durch systematische Programme der Talentsuche müssen mehr bewegungsbegabte Kinder für Sportaktivität begeistert werden. Ziel der sportartspezifischen Talentidentifikation ist die Auswahl der Athleten, die das größte Potenzial für das Erreichen von Spitzenleistungen aufweisen. Hierzu ist es nicht ausreichend, in einer Momentaufnahme den aktuellen Leistungszustand einzuschätzen, sondern der Entwicklungsprozess unter Berücksichtigung der biologischen Reife, des Trainingsalters und psychischer Eigenschaften muss Grundlage der Bewertung sein.

Kindliche Bewegungsförderung steht am Anfang einer Spitzensportkarriere.

Die Einstiegsleistungen der Kinder und Jugendlichen werden zunehmend schwächer (17; 18; 19; 66). Zur Förderung der motorischen Leistungsfähigkeit und der körperlich-sportlichen Aktivität von Kindern und Jugendlichen müssen gesamtgesellschaftlich bewegungsaktive Lebensstile gefördert werden. Hierfür ist es erforderlich, dass für die Heranwachsenden ein bewegungsfreundliches Umfeld geschaffen sowie vielfältige Bewegungsräume und -angebote auf- und ausgebaut werden (63; 99; 100).

Eine systematische Talentsuche ist Voraussetzung um möglichst viele begabte Kinder zu gewinnen.

Die Entwicklung der motorischen Leistungsfähigkeit erfordert vor allem im Kindes-alter dass angemessene Reize an das motorische System gesetzt werden. Um eine möglichst große Anzahl an sportlich begabten Kindern für eine leistungssport-orientierte Aktivität zu gewinnen, sind flächendeckende, systematische und sportartübergreifende Programme der Talentsuche ab dem frühen Schulkindalter erforderlich. Diese sollten die Erfassung der motorischen Leistungsfähigkeit, konstitutioneller Voraussetzungen, der Leistungsbereitschaft und Bewegungsfreude sowie des Lernverhaltens umfassen und in Empfehlungen für geeignete sportartgerichtete oder sportartübergreifende Angebote resultieren (111).

Die Talentauswahl darf sich nicht nur an Leistungsauffälligkeit orientieren.

Talentauswahlentscheidungen in der Sportpraxis beruhen bislang überwiegend auf der Einschätzung der Wettkampfleistung bzw. der Ergebnisse motorischer Tests (31). Vor dem Eintritt in die Pubertät ist jedoch anhand physischer Dispositionen und motorischer Leistungen (anthropometrische, physiologische, konditionelle und motorische Faktoren) eine zuverlässige Einschätzung der Leistungsentwicklung schwer möglich (1; 61). Die Leistungsauffälligkeit im Wettkampf oder bei motorischen Tests vor dem Abschluss der Pubeszenz ist weder Voraussetzung noch Garant für spätere Begabungen-

Leipziger Positionen

Durch systematische Programme der Talentsuche müssen mehr bewegungs-begabte Kinder für Sportaktivität begeistert werden. Ziel der sportartspezifischen Talentidentifikation ist die Auswahl der Athleten, die das größte Potenzial für das Erreichen von Spitzenleistungen aufweisen. Hierzu ist es nicht ausreichend, in einer Momentaufnahme den aktuellen Leistungszustand einzuschätzen, sondern der Entwicklungsprozess unter Berücksichtigung der biologischen Reife, des Trainingsalters und psychischer Eigenschaften muss Grundlage der Bewertung sein.

Leistungsbestimmende Faktoren sind wie die maximale Sauerstoffaufnahme, die Maximalkraft oder auch die allgemeine Intelligenz sehr stark durch den biologischen Reifegrad bestimmt (12; 20; 42; 44; 53; 69; 82). Um keine Talente auszuschließen, sollten Auswahlentscheidungen nicht ausschließlich an Leistungsauffälligkeit bzw. das Erreichen von Normen für Altersklassen (chronologisches Alter) geknüpft werden (51; 80; 81; 94). Bei einer Talentidentifikation vor Abschluss der Geschlechtsreife sind übertragbare Elemente (koordinativ, kognitiv-perzeptuell, taktisch-konzeptionell, physisch-konditionell (5)) und psychische Eigenschaften (z. B. Zielstrebigkeit, Selbstorganisation, Leidenschaft, Biss etc.) in vielen Sportarten von größerer Bedeutung als sportartspezifische Leistungsvoraussetzungen (2; 4; 104). In regel-mäßig evaluierten und kontinuierlich fortgeschriebenen Rahmentrainings-konzeptionen (RTK) müssen durch die Spitzenverbände Ausbildungsziele und Orientierungswerte für eine erfolgreiche Leistungsentwicklung definiert werden. Daraus sind einerseits Trainingsziele, -inhalte, -mittel und -methoden, Belastungsfaktoren sowie nationale Wettkampfsysteme/-formen, andererseits die sportartspezifische Kader-Alters-Struktur und einheitliche Kaderkriterien ab dem D-Kader-Bereich abzuleiten. Die RTK müssen die physische wie auch psychische Entwicklung der Kinder und Jugendlichen berücksichtigen und darauf ausgerichtet sein, dass die Athleten systematisch inhaltlich und belastungsmethodisch auf die Anforderungen des Hochleistungstrainings vorbereitet werden. Für eine systematische Trainingssteuerung und individuell optimale Leistungsentwicklung ist eine kontinuierliche Trainings- und Leistungsdatendokumentation notwendig. Wettkampfteilnahmen müssen auf den Entwicklungsstand der Sportler und die Ziele der jeweiligen Trainingsetappe ausgerichtet werden.

Unterschiedliche Wege an die Spitze sind möglich und müssen berücksichtigt werden.

Der Zusammenhang von Junioren- und Spitzenerfolgen gestaltet sich sportart-spezifisch äußerst unterschiedlich. Erfolgreiche Athleten nutzen eine Vielzahl unterschiedlicher Entwicklungswege – das Durchlaufen des LLA in der Spezial-sportart, oder auch einen späten oder Quereinstieg (47; 48). Spät- und Quereinstiege sind vor allem in Sportarten möglich und erfolgreich, die stark konditionell oder konstitutionell geprägt sind, die durch geschlossene Aufgabentypen gekennzeichnet werden können, die ein spätes Höchstleistungsalter haben und/oder eine geringe Leistungsdichte aufweisen (11; 21; 43; 46; 47; 48; 96; 102; 103). Um möglichst viele Talente in die Weltspitze zu führen, ist es notwendig, sportartspezifisch erfolgreiche Entwicklungswege zu analysieren und entsprechende Entwicklungskorridore als Orientierungs- und Normwerte zu definieren. Aufgrund der hohen Prognose-unsicherheit sollten die Entwicklungskorridore bis zur Pubertät breiter angelegt sein und erst danach spitz/tropfenförmig zulaufen. Um der individuell unterschiedlichen Entwicklung gerecht zu werden, erscheint es sinnvoll, diese in „Jahren bis zur Spitze“ statt anhand des chronologischen Alters zu definieren.

In regelmäßig evaluierten und kontinuierlich fortgeschriebenen Rahmentrainings-konzeptionen (RTK) müssen durch die Spitzenverbände Ausbildungsziele und Orientierungswerte für eine erfolgreiche Leistungsentwicklung definiert werden. Daraus sind einerseits Trainingsziele, -inhalte, -mittel und -methoden, Belastungsfaktoren sowie nationale Wettkampfsysteme/-formen, andererseits die sportartspezifische Kader-Alters-Struktur und einheitliche Kaderkriterien ab dem D-Kader-Bereich abzuleiten. Die RTK müssen die physische wie auch psychische Entwicklung der Kinder und Jugendlichen berücksichtigen und darauf ausgerichtet sein, dass die Athleten systematisch inhaltlich und belastungsmethodisch auf die Anforderungen des Hochleistungstrainings vorbereitet werden. Für eine systematische Trainingssteuerung und individuell optimale Leistungsentwicklung ist eine kontinuierliche Trainings- und Leistungsdatendokumentation notwendig. Wettkampfteilnahmen müssen auf den Entwicklungsstand der Sportler und die Ziele der jeweiligen Trainingsetappe ausgerichtet werden.

Nachwuchstraining ist Voraussetzungstraining

Talententwicklung umfasst nicht nur die sportliche bzw. körperliche, sondern auch die persönliche und emotionale sowie kognitive Entwicklung der Kinder und Jugendlichen. Übergeordnete Zielstellungen des Nachwuchstrainings sind dementsprechend Leistungsentwicklung, Kenntniserwerb und Persönlichkeits-entwicklung (76). Wirksames Nachwuchstraining hat Voraussetzungscharakter und ist auf die perspektivische Entwicklung von Weltspitzenleistungen gerichtet. Es muss systematisch erfolgen und ist auf die ständige Erweiterung des Potenzials an grundlegenden koordinativen, technischen, technisch-taktischen, konditionellen und psychischen Leistungsvoraussetzungen ausgerichtet. Dadurch werden der Anpassungsspielraum und die Belastbarkeit des gesamten Organismus gegenüber steigenden spezifischen Trainingsreizen vergrößert. Zwischen Nachwuchs- und Hochleistungstraining muss eine deutliche inhaltlich-methodische Differenzierung erfolgen. Die Anteile des aufgabenbezogenen Voraussetzungstrainings nehmen im Verlauf des Nachwuchstrainings zugunsten eines komplexen leistungsausprägenden Trainings mit zunehmendem Bezug zur sportartspezifischen Leistungsstruktur ab (56).

Systematisches Training ist der wichtigste Erfolgsfaktor.

Training in entsprechender Qualität und Quantität ist wesentliche und notwendige Voraussetzung zur Ausschöpfung des Leistungspotenzials (9). Qualitative und quantitative Belastungsfaktoren dienen der Erhöhung der Wirksamkeit des Trainings, um die Ausbildungsziele zu erreichen und die Leistung systematisch zu verbessern. Sie können nicht losgelöst voneinander betrachtet werden, sondern stehen in einem wechselwirkenden Zusammenhang. Sie können nur als Einheit wirken (76; 93; 108). Die Entwicklung der Leistungsvor-aussetzungen, z. B. die Präzisierung von Bewegungsabläufen, die Stabilisierung von Techniken und Erhöhung des Schwierigkeitsgrads, die Erweiterung des technisch-taktischen Repertoires oder die Kopplung bewegungsregulierender neuromuskulärer und energetisch-organischer Prozesse erfordern, wie auch die Sicherung der Belastbarkeit, entsprechende Zeit. Die zur Erreichung der Ausbildungsziele notwendigen Trainingsinhalte in der Sportart sowie der individuelle Trainings- und Entwicklungsstand stellen die Grundlage der Planung der zu absolvierenden Trainingsumfänge dar. Im Mittelpunkt stehen dementsprechend einerseits die konsequente Umsetzung anerkannter Kriterien der Trainingsgestaltung, der Steigerung der Belastungsgrößen und damit der Wirksamkeit des Trainings im Jahres- und Mehrjahresaufbau sowie andererseits die Ausrichtung aller Maßnahmen auf die individuellen Entwicklungspotenziale. Eine erfolgreiche Trainingsteuerung erfordert die systematische Dokumentation und Analyse der Trainings- und Leistungsentwicklung (3; 33; 64; 76).

Eine vielseitige Grundausbildung ist die Basis für spätere Erfolge.

Angesichts der zunehmend schwächer ausgeprägten körperlichen Leistungsfähigkeit der Kinder beim Eintritt in den Sportverein gewinnt eine vielseitige motorische und sportliche Grundausbildung bis zum Ende des Grundlagentrainings (GLT) weiter an Bedeutung. Der frühe Einsatz hoher Umfänge an spezifischem Training und Wettkampfteilnahmen vor dem Abschluss der Pubertät erhöhen die Erfolgschancen im Spitzenbereich nicht. Eine Ausnahme hierzu stellen Sportarten dar, in denen Vielfalt und Schwierigkeit der sportlichen Fertigkeiten wesentliches Leistungs-kriterium sind und Lerntraining bereits im frühen Kindesalter einen besonderen Stellenwert hat (76; 98). Bis einschließlich zum GLT sollten Trainingsreize vielseitig ausgerichtet sein. Dadurch ist die Nutzung von Übertragungseffekten (motorisch, kognitiv-perzeptuell, taktisch-konzeptionell und physisch-konditionell) sowie die komplexe Entwicklung sportartgerichteter Fähigkeiten und Fertigkeiten möglich (5; 6). Zudem kann die Belastbarkeit gezielt erhöht werden, ohne dass die Wirkung der spezifischen Trainingsinhalte frühzeitig ausgeschöpft wird. In Sportarten, in denen das Hochleistungsalter nach dem Abschluss der Pubertät liegt, erhöhen erfolgreiche Sportler die spezifischen Trainingsumfänge im Vergleich zu nicht erfolgreichen erst im Jugendalter bzw. nach einem Trainingsalter von mindestens 8 Jahren (8; 27; 52; 83; 106; 112).

Eine frühe Spezialisierung auf eine Sportart ist mit Ausnahme der Sportarten, in denen das Hochleistungsalter vor dem Abschluss der Pubertät erreicht wird, keine notwendige Voraussetzung für das Erreichen von Spitzenerfolgen (5; 6; 7; 20; 27; 60; 68; 83; 107). Das Absolvieren hoher sportartspezifischer und/ oder sportartgerichteter Trainingsumfänge ist hingegen unabdingbar. Hierfür müssen ein hohes Niveau an sportartspezifischen Leistungsvoraussetzungen und die entsprechende Belastbarkeit im LLA vorbereitet und entwickelt werden oder vor dem späten Einstieg in die Sportart bereits hoch ausgeprägt sein, damit die Leistungen durch wirksame Trainingsreize weiter gesteigert werden können. Zudem müssen die Sportler über hohe motivationale und Willenseigenschaften und erforderliche psychische Leistungsvoraussetzungen (z. B. Selbstvertrauen, Selbstorganisation, Umgang mit Druck) verfügen, welche systematisch weiterentwickelt werden müssen (2; 25; 47).

Um talentierte Nachwuchsathleten an die Weltspitze zu führen, sind ein Leistungs-sportfreundliches Umfeld sowie ein zielorientiert gesteuertes, aber dennoch für verschiedene Karriereverläufe (frühe Spezialisierung, Späteinstieg oder Talent-Transfer) offenes Fördersystem notwendig. Die Sportler müssen systematisch und kontinuierlich gefördert und gefordert werden. Dabei ist eine frühzeitige Karriereplanung anzustreben und zu unterstützen, um individuell wirksame Lösungen für die Vereinbarkeit von leistungssportlichen und schulisch-beruflichen Anforderungen zu gewährleisten. Eine erfolgreiche Talententwicklung muss auch die Entwicklung der Persönlichkeit sowie psychischer Leistungsvoraussetzungen der Sportler (Förderung der Selbstorganisation etc.) umfassen. Dies ist nur mit fachlich, methodisch-pädagogisch und sozial kompetenten Trainern möglich, die für die Anforderungen im Nachwuchsleistungssport qualifiziert sind. Das soziale Umfeld der Nachwuchsathleten (Eltern etc.) muss berücksichtigt und systematisch in den Förderprozess integriert werden

Bis zur Geschlechtsreife muss der Schwerpunkt im Nachwuchstraining auf der Beanspruchung der informationsaufnehmenden und -verarbeitenden Prozesse liegen.

Alle energetischen und neuronalen Systeme sind jederzeit trainierbar, die Anpassungsmechanismen verlaufen jedoch in den jeweiligen Entwicklungsabschnitten effektiver, wenn die Belastung in Umfang, Intensität und Frequenz individuell angemessen erfolgt (10; 11; 15; 34; 70; 71; 105). Vor dem Abschluss der Geschlechtsreife sollte der Schwerpunkt auf der Ausbildung grundlegender sportlicher Bewegungsformen (von vielseitig hin zu sportartgerichtet), der Schnelligkeit und Gewandtheit sowie der Kraft zur Sicherung der Belastbarkeit (14; 44; 56; 71; 105) liegen. Dabei sind die rechtzeitige Beanspruchung der informationsaufnehmenden und -verarbeitenden Systeme zur Ausprägung der koordinativen Voraussetzungen, des sporttechnischen Könnens und eines breit gefächerten technisch-taktischen Repertoires wie auch die frühzeitige Entwicklung der Schnelligkeitsvoraussetzungen in Verbindung mit der Koordinationsstruktur sportartgerichteter Handlungsabläufe von besonderer Bedeutung (56; 76).

Talentidentifikation und -entwicklung können nicht losgelöst von der Anforderungsanalyse im Hochleistungsbereich betrachtet werden. Ein systematischer LLA kann nur erfolgreich sein, wenn die drei Bereiche eng miteinander verzahnt sind, zentral gesteuert bzw. koordiniert und praxiswirksam wissenschaftlich unterstützt werden. Das Anforderungsprofil für internationale Spitzenleistungen stellt die entscheidende Zielgröße für die Gestaltung der Talentauswahlmaßnahmen und den Prozess der systematischen Talententwicklung dar. Leistungs- und Trainingsmaßstäbe sind auf das Erreichen der Weltspitze zu richten.

Schlussfolgerungen

Deutschland braucht kreative, auf langfristige Erfolge orientierte Lösungen, die der international bewährten Systematik des langfristigen Trainings- und Leistungsaufbaus folgen und gleichzeitig ausreichende Spielräume für individuelle Entwicklungsverläufe sichern.

Daraus leiten sich folgende Forderungen ab:

  • Die Erhöhung des Stellenwerts und der Wertschätzung des (Nachwuchs-) Leistungssports in der Gesellschaft und die Stärkung des Leistungsgedankens im Schulsport.
  • Die Entwicklung und Umsetzung einer Gesamtstrategie für die Weiterentwicklung des deutschen Nachwuchs- und Spitzensports. Hierfür sind eine sportartübergreifende Steuerung, die Koordination und Vernetzung der Fördermaßnahmen sowie die Verbesserung der Information und Kommunikation notwendig.
  • Das Fördersystem muss geöffnet und flexibilisiert werden, um die individuell optimale Förderung der sportlichen und schulisch-beruflichen Entwicklung zu ermöglichen.
  • Sportartübergreifend müssen ein Rahmen für die Gestaltung der Nachwuchsförderung vorgegeben und Kontrollmechanismen zur Sicherung der Qualität sowie der Umsetzung in der Praxis eingesetzt werden. Beispielsweise müssen über transparente Qualitätskriterien (Talentidentifikation, Trainerqualifikation, RTK etc.) und Zielvereinbarungen sowie damit verbundene finanzielle Konsequenzen bei Nichterreichen gezielte Anreize gesetzt werden.
  • Aufgabe der Spitzenverbände ist es, ausgehend von einer klaren Definition der Leistungs- und Ausbildungsziele, inhaltlich-methodische (RTK, Kaderkriterien etc.) wie auch organisatorisch-strukturelle Konzepte zur Gestaltung des LLA (z. B. Trainerqualifikation und -anstellung) zu entwickeln. Deren Umsetzung muss durch eine konsequente Durchsetzung der Richtlinienkompetenz sichergestellt werden.
  • Die Qualifizierung sowie die Situation der Anstellungsverhältnisse von Trainern im Nachwuchsleistungssport (v. a. soziale und pädagogische Kompetenz) sind zu verbessern und eine Professionalisierung voranzutreiben.
  • Durch eine wissenschaftliche Begleitung und Unterstützung der Talent-suche und -identifikation, des trainingsmethodischen Vorgehens und der Prozesse der Nachwuchsleistungsportförderung ist der Erkenntnistransfer in die Sportpraxis zu sichern. Das Trainer-Berater-System muss auch im Nachwuchsleistungssport aufgebaut werden (z. B. Weltstandsanalysen Nachwuchstraining, Analyse Karriereentwicklungen, Begleitung der Weiterentwicklungen von RTK, Entwicklung, Implementierung und Evaluation von Talent-Transfer-Programmen).
  • Alle Beteiligten sollten sich offen neuen Entwicklungen gegenüber zeigen und den Mut haben, gemeinsam auch innovative Wege der Talentidentifikation und -entwicklung zu beschreiten.

Die Literatur ist auf www.sport-iat.de im Servicebereich als PDF-Download abrufbar.


*Erschienen anlässlich des Nachwuchsleistungssport-Symposiums „Wege an die Spitze“ vom 6.- 8. Mai 2013 in Leipzig - Erarbeitet von einem Autorenkollektiv unter Leitung von Antje Hoffmann - Mitarbeit: Arndt Pfützner, Jürgen Wick, Dirk Büsch, Ilka Seidel, Bernd Wolfarth, Juliane Wulff, Kerstin Henschel
Quelle: IAT - Institut für Angewandte Trainingswissenschaft Leipzig (2013)
Foto: Steininger