Trainingspraxis Laufen 2


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Ein Blick zurück auf die olympischen 1500 m der Frauen

Wenn man mehr will als „nur teilnehmen“, muss man das beizeiten schon wollen

Regensburg, 17.November 2012 (© Kurt Ring)- Corinna Harrer hat ihre olympische Feuertaufe in London bestanden, hat sich im 1500 m Halbfinale von der besten Seite gezeigt und nur um 23 Hundertstel das Finale verpasst. Für eine erst 21-Jährige ist das alles andere als ein Beinbruch. Corinna Harrer erfüllte im Halbfinallauf von London unter dem ganz besonderen „Olympiadruck“ die Anforderungen an Spitzenläufer, beim Jahreshöhepunkt die beste Leistung der Saison abzuliefern. Sie hat die wichtigste Bewährungssituation ihrer bisherigen Laufbahn mit Bravour bestanden und bekam von allen Seiten Lob. Auch wenn wir uns schon dem neuen Olympiazyklus zugewandt haben, erlauben wir uns – nachdem wir viele Nächte darüber geschlafen haben - heute noch einmal einen Rückblick.

Einige Gedanken zu Halbfinals bei großen Meisterschaften (WM, OS)

In den Mittelstrecken-Halbfinals wird bei Höhepunkten immer wieder die Spreu vom Weizen getrennt. Sie entscheiden, ob der Daumen nach oben oder unten zeigt, das hat sich auch wieder in London 2012 gezeigt. In ihren Profilen stellen sie höchste psychophysische Anforderungen, sind vor allem für alle die, die vielleicht das Finale erreichen könnten, bereits das Finale. Der besondere Qualifikationsmodus in dem jeweils die ersten Vier oder Fünf und nur wenige Zeitschnellste weiterkommen, erfordert die Beherrschung sowohl der Sieg- als auch der Rekord-Taktik. Selten sind es harte „tempo-runs“ von Beginn an, meist Steigerungsläufe par excellence mit Weltklasse-splits in unterschiedlich langen Endphasen, im 1500 m Lauf auf den letzten beiden Runden oder den letzten 300m. Die ersten 1¾ Runden sind nicht selten gefährlicher Auftakt, weil sich bis zu 16 Läuferinnen erst einmal aufgeregt sortieren, auf den Füßen stehen und nach innen drängen. Vorläufe und Halbfinals sind immer wieder gesteigerte 800m-Spurts mit 700m Anlauf. Dass Corinna Harrer auf den letzten beiden Runden eine 2:07 können musste – das zweite HF war noch einen Tick schärfer – zeigt, was man können muss um „endkampfreif“ zu sein. Corinnas letzte 600m in 1:33 und letzte 400m m in 60,5 unterstreichen, was Frauen bei Olympia und bei Weltmeisterschaften mindestens können müssen. Für ein anvisiertes Finale 2016 ist dann noch Einiges zu erledigen.

Corinna Harrer hat im olympischen HF das beste Rennen ihrer bisherigen Laufbahn gezeigt

Ein Puffer von 8-9 Sekunden zwischen 800 m Bestzeit und 800 m Durchgangszeit für die 1500 m bei bestzeitennahen Endergebnissen ist für Frauen inzwischen Basis und in entsprechend anspruchs-vollen Rennen zu üben. Corinna lief beim ersten Saisonrennen 2012 mit geführtem schnellen Angang (Regensburg 19.5 / 2:08 ) schon 4:05,86 - dann 4:05,62 in Dessau - 4:04,81 in Hengelo und 4:04,30 am 31.5. in Rom. Ich glaube, dass sie zu dieser Zeit bereits ein 800m-Vermögen um 2:00 Minuten hatte, das sie später am 15.8 mit 2:00,34 in Albi auch zeigte. Das bedeutet: Wer in Zukunft ein WM- oder OS-1500m Finale erreichen und dort erfolgreich sein will, muss zwischen 4:00-4:02 oder vielleicht sogar mehr können und dafür die 800 m sicher unter 2 Minuten laufen, aber auch über die 3000 m Überdistanz zum Weltniveau gehören. Die derzeitigen Weltbestenlisten unterstreichen, dass fast alle Finalistinnen über diese Fähigkeiten verfügen.

Welche Reserven sind nun von Corinna Harrer in der Zukunft zu erschließen

Ob ihre bereits gut ausgeprägte aerobe Ausdauerbasis (vL3 bei 4,95m/s) immer noch einen Tick besser werden muss, ist zu prüfen, auf alle Fälle soll sie in einem ersten Schritt in dieser Geschwindigkeit länger laufen können, weil das wiederum die Voraussetzung für eine verbesserte V02max ist. Wir brauchen zunächst erst einmal Laktatverträglichkeitsreserven für 3000 m, die später zu einer höheren Laktattoleranz in 1500 m Rennen führen müssen. Man sollte nicht übersehen, dass eine aerobe Ausdauerbasis um 3 mmol/l Laktat (vL3-Schwelle) sehr weit von den Wettkampfanforderungen im Mittelstreckenlauf entfernt ist, für die angestrebten Zielleistungen aber auch lange, schnelle Intervalleinheiten notwendig sind, die später in 1500 m Rennen nach 700 m Anlauf für schnelle 800 m am besten noch große Spurtfähigkeiten möglich machen. Dafür wiederum sind 800m unter 2 Minuten als sogenannte „Geschwindigkeitsreserve“ vonnöten.

In Harrers Geschwindigkeitsprofil vom Halbfinale in London werden alle diese Gedanken deutlich unterstrichen: 1500m OS Halbfinale 8. August 2012 (Harrer Analyse)

Es wird schwer in einem Olympiazyklus zwei Leistungsklassen zu überspringen

Corinna Harrer und weitere junge deutsche Athletinnen haben bewiesen, dass auch deutsche Läuferinnen auf allerhöchster Bühne konkurrenzfähig sein können. Die Überlegenheit des schwarzen Kontinents muss nicht tatenlos hingenommen werden. Einige Weiße vor Corinna Harrer haben es bewiesen. Kommt „schwarz + türkisch“ und „weiß“ gleichzeitig auf die Zielgerade, kann „Weiß“ durchaus sogar taktisch im Vorteil sein. Das aber erfordert Selbstbewusstsein, Coolness und Übersicht in jeder Phase der Rennen. Rio ist in knapp 4 Jahren und dann ist die Regensburgerin immer erst 25 Jahre alt. Aber vier Jahre möglichst verletzungsfrei auf hohem Trainingsniveau zu überstehen, zumal auch die Trainingsanforderungen steigen, ist eine besondere Herausforderung. Wir sind uns bewusst: 2-4 Sekunden schneller entsprechen in diesem Leistungsbereich 2 Leistungsklassen und werden ein hartes Stück Arbeit, auch wenn man auf dem Weg nach Rio vorher noch über Moskau und Peking gehen kann, um dort veritabel bereits den Ernstfall zu üben. Klar ist, dass man die Summe der Aufgaben in „einem notwendig komplexen Training“ zusammenfassen muss.

Was die heute siebzehnjährigen „Überflieger“ daraus lernen können

Zum Schluss sei noch ein Blick zum Nachwuchs erlaubt. Jedes Jahr laufen einige deutsche 17-Jährige 2:06er Zeiten (schneller als Corinna damals), verfügen über gute Voraussetzungen. Einige träumen vielleicht auch „ihren“ olympischen Traum, sind sich aber in Wahrheit nicht im Klaren, was da auf sie zukommt. Haben sich die meisten nicht zu früh auf die kurze Mittelstrecke spezialisiert, sind sie nicht zu langsam für eines Tages „mehr“? Corinna Harrer hatte vielleicht das Glück als bayerische Schülermeisterin über 100 m (12,33s) und späterer C-Kader Sprint auf einen Trainer zu treffen, der die großen Europäer auf der Mittelstrecke noch selbst erlebt hatte und wusste, was damals dafür trainiert werden musste, qualitativ und quantitativ. Das flüsterte er seiner „Kleinen“ die von „weiter oben“ träumte, immer wieder ins Ohr. Kernsatz Nummer eins war: „Wenn Du international etwas erreichen willst, bist Du für den Sprint zu langsam, im Langsprint höchstens national tauglich, damit auch für eine WM über 800 m zu langsam.“ Kernsatz Nummer zwei war: „Wenn Du dorthin willst, musst Du möglichst schnell immer mehr und immer schneller laufen, das übliche konditionierende Beiwerk mit eingeschlossen. Garantie für den großen Erfolg gibt es dabei allerdings nicht“. Corinna wollte wie so viele andere Mädchen auch „dorthin“ und war sehr früh anders als andere in gleicher Ausgangslage: Sie träumte nicht, sie redete nicht, sie jammerte nicht, sie trainierte täglich, sie WOLLTE!

Fotos: Iris Hensel