Talente fürs GLT* und JABT* früher auswählen, fördern und fordern
Ohne Selbstbewusstsein und Spaß am Training geht es kaumZu Wenige haben den Willen für Außergewöhnliches
19. November 2009 (© Lothar Pöhlitz) - Das sportliche Talent zeigt eine über dem Durchschnitt liegende Bereitschaft, hohe Leistungen erbringen zu können und zu wollen! Das Talent für eine Sportart bzw. einen Disziplinbereich (z.B. Lauf) verfügt über die entsprechende Konstitution, eine sportartgerichtete Belastbarkeit, die erforderlichen physischen Voraussetzungen, die Trainierbarkeit der motorischen Grundeigenschaften, sowie die psychischen Faktoren, die sowohl für das harte Leistungstraining als auch für eine entsprechende Durchsetzungsfähigkeit im Wettkampf erforderlich sind. Ein Komplex sportlicher und sportmedizinischer Tests und Untersuchungen ist im Rahmen einer Talentsichtung für einen sicheren Weg sportlicher Talente nach oben unabdingbar. Entsprechende Eignungsuntersuchungen müssen in Verbindung mit einem Eignungserkennungstraining dazu beitragen, junge Sportler auf Grund ihres genetischen Potentials früher den für sie günstigsten Streckenbereich (Mittel- bzw. Langstrecke) zuzuführen.
Nicht immer haben die Begabtesten die Chance für eine außergewöhnliche sportliche Entwicklung, sondern die mit dem besten Umfeld, dem besten Trainer, den besten Trainingsmöglichkeiten und einer leistungsstarken Gruppe, in der sie täglich um einen Platz an der Sonne kämpfen müssen.
Mit dem Talentbegriff sparsamer umgehen
Im medialen Sprachgebrauch hat sich das schnelle Urteil und eine oft vorschnelle Vergabe des Prädikatsbegriffs „Talent“ durchgesetzt. Schon wiederholte Siege im Kreismaßstab gegen weniger gut Trainierte verleiten Reporter, aber auch Vereinsvorsitzende vorschnell zur Präsentation junger Sportler auf dem Tablett. Dabei wird meist nicht bedacht, dass die Hochgelobten öfter als uns lieb sein kann ihre ererbten sportlichen Vorzüge bei höherklassigen Wettkämpfen, bei den Deutschen Meisterschaften beispielsweise, aus orthopädischen oder internistischen Gründen oder wegen mentaler Schwächen nicht in Leistung umsetzen können. Wer von Geburt an wegen einer Wirbelsäulenanomalie, Skoliosen, einem Beckenschiefstand oder Fußdeformationen im Sinne leistungssportlicher Anforderungen „fehlgestaltet“ ist oder sich regelmäßig bei grenzwertigem Training Infekte einfängt, wer wegen nervaler Probleme in Wettkämpfen die Aufgaben des Trainers nicht erfüllen kann oder mag, wird früher als vielen lieb ist stagnieren und die meist vorschnell prognostizierten Leistungen nicht realisieren können.
„Konstitutionell – anatomisch günstige Voraussetzungen stellen nur einen Teilbereich der sportlichen Leistungsfähigkeit dar. Analysen zeigen dass bis zu 60 % Sportverletzungen oder Sportschäden und ein daraus resultierender frühzeitiger Karriereabbruch auf ungünstige Voraussetzungen zurückzuführen sind.“ (LOHRER 1990)
Belastbarkeit eine wichtige Voraussetzung für einen Weg nach oben
Zwischen irreversiblen Schäden und zeitweiliger Einschränkungen sportlicher Belastbarkeit z.B. auf Grund von Entwicklungsproblemen sollte möglichst früh unterschieden werden. Es gibt nicht wenige Beispiele wo Kinder die schon früh zum „orthopädischen Schwimmen“ geschickt wurden später die Weltspitze erreichten. Vor allem in einer frühen Phase besteht die Möglichkeit Sportlern auf Grund anatomischer Vorgaben bestimmte Disziplinen oder Sportarten zu empfehlen, die sie dann auch erfolgreich betreiben können.
„Erfolgreiche Entwicklungsverläufe von jungen Nachwuchsathleten im Leistungssport sind wesentlich von ihrer „Belastbarkeit“ abhängig. Sie ist durch genetische Anlagen, sowie durch exogene und endogene Einflüsse bestimmt. Die Belastbarkeit entscheidet maßgeblich über die mögliche Kontinuität des individuellen, langfristigen Trainings- und Leistungsaufbaus“ (FRÖHNER 2008)
„Belastbarkeit aber ist nicht angeboren, sondern das Ergebnis möglichst früh beginnender allgemeiner- und spezieller vielseitiger Einwirkungen auf den kindlichen Organismus durch systematisch zunehmende Anforderungen, auch mit sportartgerichteten Übungen (Ganzkörperkonditionierung, Schwachstellenbeseitigung)“ (PÖHLITZ 1979)
Bei der Auswahl „Hochbegabter für Eliteschulen des Sports“ sollte verantwortungsbewusst vorgegangen werden und als Grundlage für eine Aufnahme ein „Gesamtpaket von sportlichen und sportmedizinischen Auswahlkriterien“ eine mögliche große Sicherheit einer sportlichen Perspektivvoraussage ermöglichen. In der Vergangenheit scheint es da noch größere Versäumnisse gegeben zu haben, weil derzeit dort die mittelmäßig begabten oder auch die „Frühentwickler“ überwiegen. Zu oft werden Spätentwickler „übersehen“, nicht lange genug einbezogen und als Folge geben sie frühzeitig auf.
Praktische Erfahrungen mahnen mit dem Talentbegriff sorgsamer umzugehen. Selbst wenn in eine Gesamtbeurteilung auch sportmedizinische, leistungsphysiologische und orthopädische Beurteilungen eingehen ist eine perspektivische Voraussage nicht sicher möglich, weil der Weg nach oben steil und steinig ist und das normale Leben ohne Leistungssport viele andere Annehmlichkeiten bietet.
„Mit der Talentsuche wird das Ziel verfolgt, potenziell hochleistungsfähigen Kindern und Jugendlichen institutionelle Förderbedingungen einzuräumen, in denen ihre Möglichkeiten herausgefordert und erprobt werden. Nachwuchstraining muss deshalb vor allem als Eignungserkennungstraining verstanden und gestaltet werden. Dabei ist es wichtig, wesentliche Leistungsvoraussetzungen herauszuarbeiten, deren Entwicklungszustände und -verläufe sauber zu dokumentieren“ (NORDMANN 2009)

Sportmedizinische Komplexuntersuchungen als Bestandteil einer Talentsichtung
Schon 1990 fasste Prof. W. Kindermann in einem Bericht von einer Sportärztetagung (Leichtathletik 36/90) die Voraussetzungen aus sportmedizinischer Sicht wie folgt zusammen:
ein Talent muss aus sportmedizinischer Sicht:
- Leistungsphysiologisch hinsichtlich der dominierenden
leistungsbestimmenden Faktoren der Sportart genetisch
herausragend determiniert sein (aerobe + anaerobe Leistungsdiagnostik) - orthopädisch hoch belastbar sein
(Minusvariante: z.B. anatomische Anomalien) - internistisch gesund und wenig krankheitsanfällig sein
(Minusvariante: z.B. erhöhte Infektanfälligkeit, hoher Substitutionsbedarf) - mental stabil sein
(Minusvariante: Trainingsweltmeister)
Kindermann wies darauf hin, dass eine komplexe Leistungsdiagnostik und eine Muskelfasertypisierung bei jüngeren Sportlern nicht nur Hinweise auf den aktuellen Leistungsstand geben, sondern auch Rückschlüsse auf das genetische Potential erlauben. Sportler mit aeroben Dominanzen in der Leistungsdiagnostik werden die größeren Chancen auf längeren Strecken haben, bei Sportlern die eine längere Laufzeit bei höheren Laktatauslenkungen im anaeroben Test erreichen, kann auf eine höhere anaerobe Kapazität geschlossen werden. In Unkenntnis oder bei fehlerhafter Einschätzung der leistungslimitierenden Faktoren bevorzugen Läufer nicht immer (durch den Trainer gewollt oder auch ungewollt) die für sie günstigste Strecke und das damit notwendige zielgerichtete Training. Mittelstreckler mit nur mäßiggradiger anaerober Kapazität und einem zu geringen FT-II-Faseranteil werden kaum zu Spitzenleistungen über 800 bzw. 1500 m fähig sein. Aber auch die „mental Schwachen“ und die Trainingsweltmeister sind nur mit sehr hohem Aufwand „erziehbar“. Da hilft in der Regel nicht einmal ein Wechsel der Spezialstrecke, weil z.B. Langstrecke im Verhältnis zur Mittelstrecke zwar „langsamer aber nicht leichter“ ist.
„Die Eignung für eine Laufstrecke im Sprint-, Mittel- oder Langstreckenlauf wird durch das individuelle Verhältnis der anaeroben oder aeroben Energiebereitstellung - deren organisches Korrelat der genetisch determinierte Muskelfasertyp ist – bestimmt“ (DICKHUTH 1990)
Viele junge Langsprinter gehören früher zur Mittelstrecke
So wie viele „junge Langstreckler“ zu lange bei der Mittelstrecke festgehalten werden, so gehen derzeit viele scheinbare Sprinttalente der Mittelstrecke verloren, weil sie, obwohl zu langsam, auf Grund mangelnder Talentsuche, mangelnder Bereitschaft der „Sprint-Trainer“ zur Abgabe (Egoismen) und mangelhaften Angebots beim Sprint festgehalten werden. Eine positive 400 m Leistungsentwicklung bis in den Spitzenbereich ist nur zu erwarten, wenn die Sprintleistungsfähigkeit und die anaerobe Kapazität auch schon im Jugend-Aufbautraining Spitzenwerte erreicht. Wer in der Jugend im Kurzsprint nicht einmal im vorderen nationalen Bereich konkurrenzfähig ist, hat eher schlechte Chancen auf den langen Sprintstrecken (400 m, 400 m Hürden). Ist dazu noch eine relativ gute Ausdauerleistungsfähigkeit vorhanden und z.B. ein 6 km Dauerlauf kein größeres Problem verspricht ein Umstieg auf die nächst höhere Distanz (800 m) in den nächsten Jahren mehr Spaß bei den Wettkämpfen. Auch diese Problematik sollte mehr als bisher bei der Talentsuche und Talentausbildung berücksichtigt werden.
Alles ist Anpassung. 10000 Übungsstunden benötigen Menschen um außergewöhnliche Fähigkeiten auszuprägen. Talente werden geschaffen. Wunderkinder gibt es nicht. (ERICSSON-USA-2008)
Titelfoto von Dirk Gantenberg
© Lothar Pöhlitz


