Talente fürs GLT* und JABT* früher auswählen, fördern und fordern
Durch Scouting mehr Begabte finden und durch „Training“ zur Elite formen
17. November 2009 (© Lothar Pöhlitz) - Die Aufgabe des leistungsorientierten Grundlagen- und Jugend-Aufbautrainings* besteht – im Gegensatz zum allgemeinen Nachwuchstraining – darin, zielgerichtet früh fürs Grundlagentraining* ausgewählte, begabte Kinder und Jugendliche langfristig trainingswirksam zur Ausschöpfung ihrer individuellen Möglichkeiten zu befähigen und sie systematisch für das Anschlusstraining „aufzubauen“. Ausbilden bedeutet auf der Grundlage individueller Anlagen vor allem die Stärken zu verstärken, die Belastbarkeit zu entwickeln, neben dem notwendigen Training schon früh Wissen über ein leistungsorientiertes Nachwuchstraining zu vermitteln, die Techniken aller Trainingsübungen sowie der Lauf- bzw. Gehtechnik zu lehren, ihre Gesundheit zu überwachen, die jungen Sportler an Vorbildern zu orientieren und sie zugleich zu erziehen, die Bedingungen und Voraussetzungen für eine erfolgreiche Leistungsentwicklung zu leben. Dazu gehört auch ihnen die Instrumente zu einer begleitenden Regeneration und Möglichkeiten zur Unterstützung durch Selbstbehandlungen schon früh zu vermitteln.
Erziehen, entwickeln wollen erfordert fördern und fordern zugleich. Jeder ist für irgendeine Disziplin oder Sportart talentiert, es ist Aufgabe der Trainer dies möglichst früh zu erkennen, sie der jeweiligen Disziplin / Sportart ohne persönliche Egoismen zuzuführen und entsprechend auszubilden. Genetisch festgelegt ist, ob die Muskulatur eher schnellkräftig oder verstärkt ausdauernd ist.
Die Erfahrung lehrt aber auch, dass nicht alle Talente über die notwendigen Intelligenzvoraussetzungen verfügen, um die privaten, schulischen und Trainings- und Wettkampfaufgaben erfolgreich miteinander zu verbinden. Intelligenz ohne Leistungsbereitschaft und ohne starke Willenqualitäten dagegen führt nicht zu Spitzenleistungen. Erfahrung ist auch, dass Sportler im Endeffekt können, was sie können wollen.
Je härter man trainiert – sei es in der Musik, im Sport oder in der Wissenschaft, umso besser wird das Ergebnis. Amerikaner, Afrikaner, Japaner oder Chinesen arbeiten meist härter als Europäer. (Lang Lang im FOCUS 15/2009)
Eltern von Begabten helfen sich zu oft durch Eigeninitiative
Die Vergangenheit lehrt, dass nur in Einzelfällen der Anschluss an das internationale Niveau schon früh möglich ist. Die wichtigste Voraussetzung für einen erfolgreichen Weg von den wenigen wirklich „Begabten“ ist eine möglichst frühe Zusammenarbeit mit kompetenten Trainern mit Erfahrung im Nachwuchsleistungs- oder Hochleistungstraining, bei rechtzeitiger sportmedizinisch optimaler Begleitung. Dies findet man natürlich nicht in jedem Verein oder derzeit auch noch nicht in jeder Sportschule. Deshalb sollte die Auswahl des Vereins oder einer entsprechenden Eliteschule für Sport nicht zuerst von der Nähe zum Wohnort der Eltern, sondern vor allem von der Spezialisierung und Qualität der Trainer oder des Sportlehrkörpers und der Qualität des Internats oder Athletenhauses, beeinflusst werden. Läufer oder auch Gehern ist deshalb zu empfehlen sich dorthin zu orientieren, wo ein Teil des Trainings in der Sportschule am Morgen und das Training parallel im Verein außerhalb des Schulsports bei kompetenten, zusammenarbeitenden Sportlehrern und Trainern in der Zielsportart absolviert werden kann. Nur damit ist die Gewissheit groß, dass die wenigen „echten Talente“ ohne große Zeitverluste und ohne große trainingsmethodische Verluste (denn Keiner ist unfehlbar) ihre Begabung auch in entsprechende Leistungen umsetzen können. Lassen Sie sich beraten, fragen Sie erfahrene Trainer, oder auch den zuständigen leitenden Bundes- oder Landestrainer. Wagen sie auch den Blick über den Zaun, orientieren Sie sich an Sportschulen im Ausland, wo, wie in Kenia, Schüler bereits ab 14 Jahren zielgerichtet und erfolgreich z.B. zum Läufer ausgebildet werden.
Die Ausbildung von Begabten setzt organisierte Zeit zum täglichem Üben voraus, dies gilt für Sänger, Pianisten, Artisten, Schwimmer und auch für Läufer und Geher, die eines Tages vor einem großen Publikum erfolgreich auftreten wollen.
Junge Sportler die früh beginnen und seit frühester Kindheit mit Spaß üben haben einen Übungsvorsprung der kaum aufzuholen ist. Es ist aber auch Erfahrung, dass noch deutliche Fortschritte durch intensives üben bis ins späte Hochleistungsalter möglich sind.
Spitzenleistungen sind nur möglich, wenn eine gute Koordinierung von schulischer, beruflicher Entwicklung und dem notwendigen Leistungstraining gelingt. Deshalb ist es schwer im Zusammenhang mit einer Lehre die für ein optimales Aufbautraining erforderliche Trainingszeit zu organisieren. Eine dafür erforderliche Lehrzeitverlängerung ist derzeit wohl nur noch in Ausnahmefällen, in Familienbetrieben, möglich. Der Weg über eine Sportschule mit anschließendem Studium ermöglicht demgegenüber den einen oder anderen Leistungen bis in die Weltspitze, so man es will.
„Leistungssport ist Ergebnissport, das sind doch die Regeln“
Skispringer Michael Uhrmann 2007

Weltspitze im Erwachsenenalter immer früher
In den letzten Jahren hat sich das Höchstleistungsalter auch im Mittel- und Langstreckenlauf deutlich „verjüngt“. Grund ist die wohl veränderte Vorbildfunktion von vielen Weltklasseläufern vor allem in den Entwicklungsländern, die daraus veränderte Bereitschaft des Nachwuchses in diesen Ländern, es den Älteren gleichzutun, schon früh mit ihnen gemeinsam zu trainieren, auch wenn es zunächst nur für die eine oder anderen Teil -TE reicht. Das Zusehen aus der Distanz lehrt sie mehr zu tun, vor allem schon früh schneller, aber auch länger zu laufen. Dabei spüren sie schon früh, dass sie zu mehr fähig sind. So funktioniert Talent-Auswahl ohne zutun der Funktionäre und ihre Hinwendung zu den erfolgreichen Sportschulen oder Zentren in Afrika– wie wir wissen auch aus für uns undenkbaren Entfernungen. Wie Pater O´Connel schon vor Jahren aus Kenia berichtete trainieren sie dann dort von 14 – 19 Jahren zwei- in den Ferien sogar dreimal täglich!
Die Praxis in Deutschland zeigt, das diese Automatismen für uns gegenwärtig undenkbar sind. Dies hat in den meisten Regionen zur Resignation, zur Untätigkeit in der wahren Talentsuche und in der Organisation der Leistungsentwicklung geführt. In Erkenntnis dieser prekären Situation und sicher auch aus ökonomischen Gründen hat der DOSB bereits vor Jahren Eliteschulen des Sports geschaffen. Zumindest für den Laufbereich zeigt sich, dass bisher eine auf Spitzenleistungen ausgerichtete Arbeit dort wohl nur sehr selten stattfindet. Auch weil nach der Gründung der Sportschulen sie zu wenig zielgerichtet organisiert wurden.

Ziel für 19 / 20 jährige Talente muss das Finale bei Junioren-Europameisterschaften sein
Mit 17 bei der Cross - WM – mit 22 Weltmeister – mit 29 Doppelolympiasieger
Hicham El Guerrouj (MAR)
| 17 Jahre | Cross-Weltmeisterschaft |
| 19 Jahre | 3:33,61 |
| 22 Jahre | 3:28,91 Weltmeister |
| 23 Jahre | 3:26,00 Weltrekord 1500 m |
| 29 Jahre | Doppel-Olympiasieger 1500 m + 5000 m |
Nicht die Mitgliedschaft in einem Kader sichert den Leistungsfortschritt sondern allein das investierte Training – in Umfang und Geschwindigkeit – und die Bereitschaft zur Lösung aller Ausbildungsaufgaben. Dies ist Voraussetzung für auch frühe Erfolge.
Auswählen, fördern und fordern
Talentsuche – Scouting – ist nur sinnvoll, wenn die gefundenen Talente auch einer leistungsorientierten Ausbildung zugeführt werden. Viele Talente konnten in der Vergangenheit ihre Talentvoraussetzungen nicht ausprägen, weil die Belastungsanforderungen nicht ständig neue Anpassungen herausforderten. Talente können aber nur dann zu Spitzenleistungen geführt werden, wenn sie zu den notwendigen Konsequenzen bereit sind, die eine systematische Steigerung der Trainingsbelastung ermöglichen.
Besser als von Klaus Rost (IAT Leipzig) im Sonderheft anlässlich 40 Jahre Deutsche Sporthilfe S. 52 können die Aufgaben für die Ausbildung von Begabten nicht zusammengefasst werden:

Eine Erhöhung des Entwicklungstempos und eine qualitativ verbesserte Ausbildung unserer Talente auch in den Eliteschulen des Sports setzt eine zielgerichtete, auf den Disziplinbereich und die Trainingsmöglichkeiten ausgerichtete Mehrjahresausbildungskonzeption voraus, die auch die Wege der Ausbildungsfortsetzung nach dem Abitur aufzeigt. Dies setzt aber einen höheren Anspruch in der Auswahl voraus.
„Talente entwickeln sich innerhalb einer Gruppe, bei gleichem Training, schneller als gleichaltrige, oft unabhängig von einer Konstitutions-Idealfigur. Dies setzt sich bei einem progressiv - ansteigenden Training auch in den Folgejahren fort. Die Weltklasse in den Lauf- und Gehdisziplinen zeigte in der Vergangenheit, dass es bei Männern und Frauen den körperlichen Idealtyp nicht gibt, auch wenn lange Beine oft von Vorteil sind.“ (PÖHLITZ 1983)
Landestrainer sollten entdeckten Talenten die richtigen Wege aufzeigen und sie besser nicht selbst trainieren. Ihre Aufgaben sind neben der Talentsuche – dem Scouting – und ihrer Förderung, die Strukturen in ihrem Verantwortungsbereich zu entwickeln und „ihre Trainer“ (auch „Papa - Coaches“) zu befähigen Talente auszuwählen und selbst qualitativ gut auszubilden. Ob sich junge Talente zu Weltklasse-Athleten entwickeln hängt nicht unwesentlich von ihrem Umfeld ab, in dem sie „groß“ werden.
In unserer gegenwärtigen Situation ist Trainer-Qualifizierung das A und O für einen wieder schnelleren Leistungsfortschritt im Laufen und Gehen. Befindet sich in ihrem Einzugsbereich eine Eliteschule des Sports sollte auch die Einflussnahme auf die Ausbildung dort zu ihrem Aufgabenbereich gehören. Den Weg dafür muss aber erst einmal der LV und DLV in Zusammenwirken mit dem DOSB und OSP freimachen.
Voraussetzung für künftige Erfolge ist eine entsprechende Konzeption und verbindliche Neufestlegungen der verschiedenen Verantwortungs- und Kontrollbereiche im Nachwuchsleistungssport..
Ein besondere Problematik: leicht ist nicht immer auch schnell
Beobachtungen aus der Distanz sollen an dieser Stelle und im Zusammenhang mit der Talentförderung zur verstärkten Aufklärung und Wissensvermittlung zur Belastungs- Erholungsproblematik im Jugend-Aufbautraining sicher nicht nur von Läufern mahnen. Es reicht nicht Läufer und Geher zum optimalen Last-Kraftverhältnis erziehen zu wollen. Natürlich ist das Ziel leicht und leistungsfähig, ohne die Grenzen nach unten zu unterschreiten. Sprechen sie mit ihren jungen Athleten über Kalorienbedarf und Energieversorgung im Verhältnis zur Belastung. Leicht ist nicht immer auch schnell, die Grenzen zur Magersucht sind nahe und das Wissen ist meist dürftig. Oft ist nicht verinnerlicht dass für hohe Belastungen auch ausreichend Energie zur Verfügung stehen muss. Die oder der Eine essen zu wenig, zu einseitig, zu wenig komplex und qualitativ nicht ausgewogen. Eines Tages sind sie plötzlich nicht mehr leistungsfähig, im Training und bei Wettkämpfen. Dann helfen auch keine Vitamine, Ernährungsriegel oder teure Nahrungsergänzungsmittel. Es ist zu spät und ein zurück ist meist unmöglich. Und wieder ging ein Talent verloren.

Titelfoto von Dirk Gantenberg
© Lothar Pöhlitz


