Krise als Chance? Wo an der Basis der Schuh drückt
Olympianachlese von Günther LohreErfolgreicher Ex-Leichtathlet, Trainer des C-Kaderathleten Leo Lohre
07. Oktober 2008 - Nach den Olympischen Spielen 2004 konnten die strukturellen Defizite in der Leichtathletik-Leistungsförderung noch schön geredet werden. Vier Jahre nach Athen und fünf Wochen nach Peking möchte man als Leichtathletik Fan nun auch Taten sehen. Fakt ist: Sportchef Mallow und seine Crew haben es nicht geschafft. Jetzt wurden mit Herbert Czingon und Rüdiger Harksen, zwei Praktiker in Leitungspositionen geholt, die sich im täglichen Hochleistungstraining auskennen. Sie sollen für die WM im eigenen Land retten, was noch zu retten ist, denn bei einer ähnlich dünnen Erfolgsausbeute wie in Peking würde das Versagen der gesamten Organisation offenbar. Ob sie aber auch mit den notwendigen Kompetenzen ausgestattet werden ? Es besteht die Gefahr, dass wieder zugekleistert wird, wo eine Grundsanierung notwendig wäre.
Basis ist die Vereinsarbeit
Worum geht es? Basis und Keimzelle des Hochleistungssports sind die Vereine. So steht es im Nationalen Spitzensport-Konzept des DOSB. In Vereinen werden Talente von meist ehrenamtlichen Trainern gefunden, geschult und betreut. Wenn sie als Schüler und Jugendliche Kaderleistungen erreichen, kommen bezahlte Disziplintrainer der Landesverbände oder des DLV ins Spiel. Der Athlet wird zu Lehrgängen eingeladen, aufgefordert ein Trainingsbuch vorzulegen oder zu führen, er erhält evtl. eine Sportuntersuchung und Zuschüsse für Nachhilfeunterricht. Erreicht der Athlet die höhere Bundeskadernorm, wird der Landestrainer durch den Bundestrainer ersetzt. De facto sind die Experten aus der Organisation dem Heimtrainer nicht vorgesetzt. Der Bundestrainer hat auch einem Landestrainer nichts zu sagen. Die Beziehung untereinander ist unklar. Überspitzt ausgedrückt setzt das System auf Kooperationsbereitschaft, wo ehrenamtliche Trainer ihre Zeit für einen Athleten einsetzen und Profi-Trainer bei Erfolg des gleichen Athleten finanziell profitieren. In Ausnahmefällen funktioniert das, ansonsten ist es stark idealtypisch gedacht.
Das DLV-Sportpersonal überzeugt nicht
Wenn der DLV heute die Gründe für die bescheidenen Leistungen in Peking in der mangelnden Trainings- und Wettkampfsteuerung der Athleten sieht, dann zeigt das nur Eines: Sein Sportpersonal überzeugt nicht. Die angestrebte Arbeitsteilung zwischen übergeordnetem Profi- und Freizeittrainern ist weitgehend wirkungslos. Die Verantwortung für den Athleten und seine Leistung verbleibt bei dem Trainer, der täglich mit dem Athleten auf dem Platz steht. Das ist in der Regel der Heimtrainer, der Berufstätigkeit und Sportengagement unter einen Hut bringen muss. Steigende Anforderungen nach mehr Trainingszeit, besserer Planung und wissenschaftlicher Begleitung haben dieses Modell in die Sackgasse geführt. Alle Stützpunkte, OSP´s und Bundesleistungszentren, die als neutrales Förderungssystem über die Vereine gebaut wurden, sind den Aufgaben im modernen Hochleistungssport nicht gewachsen. Athleten entziehen sich dem System.
Qualität bleibt auf der Strecke, Profi-Trainer einsetzen zwingend
Weil es keine professionellen Trainer gibt, die bereit sind die volle Verantwortung für einen Spitzenathleten zu übernehmen, puzzeln sie ihre Betreuung durch Training bei verschiedenen Experten zusammen. Qualität bleibt auf der Strecke. Die Organisation sollte in der Leistungssportförderung ihre gesamte Energie darauf richten, die Differenzierung in der Vereinslandschaft aktiv weiter zu treiben. Es müssen möglichst viele qualifizierte Profi-Trainer in diejenigen Vereine, die über eine geeignet Infrastruktur verfügen und sich langfristig im Hochleistungssport engagieren wollen. Dazu ist die Organisation aber nicht in der Lage. Denn eine Aufgabenteilung zwischen Vereinen etwa als Freizeit- oder Leistungssportverein ist in den Satzungen nicht vorgesehen. Die für Investitionen der Verbände in die Basis des Leistungssports notwendigen Mehrheiten gibt es nicht. Leidtragende sind die Athleten, sie wollen einen sauberen Sport, der international wettbewerbsfähig ist. Das schaffen sie nur mit Trainern, die Zeit haben um ein besseres und intelligenteres Training anbieten können. Stand heute, bleibt für adäquate Leistungssportförderung nur der Weg über privatwirtschaftliche Finanzierung. Die Leichtathletik braucht mehr Vereine nach dem Beispiel des TSV Bayer Leverkusen. Ob es engagierten Leichtathletik-Freunden gelingt gleich gesinnte Finanz-Partner zu finden bleibt abzuwarten. Sollte sich nichts bewegen, bleiben Medaillen in der olympischen Kernsportart einfach weiterhin dem Zufall überlassen. Es scheint als hätten die Vertreter der deutschen Leichtathletik-Organisationen die Lust verloren, sich am hart umkämpften internationalen Wettbewerb in den Disziplinen der Sportart zu beteiligen.
Foto: Die drei Stabhochspringer Holzdeppe, Lohre und Koehl (Gantenberg-Foto)
© Günther Lohre



