Trainingspraxis Laufen 2


Trainingspraxis Laufen



Trainingspraxis Laufen


Trainingspraxis Laufen



Neuerscheinung


Neuerscheinung – Trainingskonzepte


2. Auflage


Buchtipp – Das große Laufbuch von Lothar Pöhlitz


Sponsoren



Kids for Olympia

Kompressionsstrümpfe – bringen sie etwas für den Hochleistungssport?

Athleten/Innen, die mit ihnen arbeiten, sind voll des Lobes

27. Mai 2008 (© Harald Herzog) - Dass schwarze Strümpfe nochmals sehr beliebt sein würden, hat wohl keiner erwartet. Und schon gar nicht, wenn es sich um Kompressionsstrümpfe handeln würde. Inzwischen sieht man sie an den Beinen von 800 m Europameister Bram Som, dem Hindernis-Europarekordler Simon Vroemen, bei Lornah Kiplagat und Paula Radcliffe. Ist es nur ein PR-Effekt oder steckt wirklich etwas dahinter? Der Trend begann in Holland, entscheidend geprägt von Harald Herzog, bis vor Kurzem noch in Diensten der Firma Hartmann, Großhersteller von medizinischem Equipment. Der Holländer kennt die Langstreckenszene sehr gut. Erst im letzten Jahr gewann seine Tochter Adrienne bei der Cross EM Silber in der U23-Wertung.

Wadenproblemen vorbeugen

Viele Menschen sitzen heutzutage permanent vor einem Computermonitor oder im Auto. Diese passive Körperhaltung birgt Gefahr. Die nicht aktive Wadenmuskulatur vernachlässigt dabei eine sehr wichtige Funktion: Das venöse Blut, mit Kohlensäure und Milchsäure beladen, gegen die Schwerkraft zurück zum Herzen zu pumpen, wie dies geschieht, wenn die Wadenmuskulatur sich bewegt, sich regelmäßig zusammen zieht und wieder entspannt. Die Adern in der Wade verengen und erweitern sich rhythmisch. Damit wird das venöse Blut, versehen mit den Abfallprodukten des Verbrennungsprozesses, optimal abtransportiert. Probleme entstehen vor allem dann, wenn nach längerer Inaktivität über den ganzen Tag verteilt, abends sportliche Aktivität einsetzt, oft sogar ohne entsprechendes Warming up. So sind die Waden beim Joggen, Laufen oder Tennis plötzlich überfordert. Die Folge sind kleine Muskelfaserrisse, die der Freude am Sport sehr schnell ein jähes Ende setzen. Auch das Auftreten von permanenten Wadenproblemen könnte darauf zurückzuführen sein. Durch die medizinische Forschung ist es allerdings noch nicht bestätigt, aber auch nicht widerlegt.
Der holländischen Physiotherapeut Ronald Derksen hat noch weitere Erklärungen für das Entstehen von Wadenproblemen. Er macht die ungewohnte Druckbelastung beim Abfangen des Schrittes vor allem bei Anfängern, aber auch bei einem Forcieren der Trainingsintensität, beim Wechsel des Untergrunds (Übergang vom Winter- zum Sommertraining/ vom Wald zur Straße oder auf die Tartanbahn) dafür verantwortlich.

Kompressionstrümpfe kontra Sportsocken

Die erste Athletin, die Kompressionsstrümpfe öffentlich machte, war Paula Radcliffe im Jahr 2000. Sie kämpfte in diesem olympischen Jahr mit vielen Wadenproblemen und fand in den Kompressionsstrümpfen ihre ganz persönliche Lösung.

Was ist aber der Unterschied zwischen einem leicht stützenden Sportstrumpf und den für Sportler spezifisch entwickelten Kompressionsstrümpfen? Der Kompressionsstrumpf ist ein medizinisch anerkanntes Hilfsmittel. Der entscheidende Unterschied ist wohl, dass der Strumpf einen stufenlos abnehmenden Druck vom Distalbereich (Knöchelbereich) zum Proximalbereich (Knie) ausübt. Die Kompressionsstrümpfe bekämpfen somit nicht nur die Auswirkung, sondern auch die Ursache. Entscheidend für ein optimales Wirken von Kompressionsstrümpfen ist das Vermessen der Beine (bis zum Knie) an ganz bestimmten Punkten. Die daraus gewonnenen Zahlen bestimmen die Form des Strumpfes. Die Schuhgröße, die beim Kauf von herkömmlichen Sportsocken eine große Rolle spielt, ist fast ohne Bedeutung. Bei gleicher Schuhgrösse können oft ganz verschiedene Beinformen auftreten. Dies beeinflusst die Druckverhältnisse auf die entsprechende Beinmuskulatur erheblich. Bei nicht richtig angemessenen Strümpfen kann sogar eine kontraproduktive Wirkung auftreten. Klar verständlich wird das Ganze, wenn man sich die verschiedenen Wadenumfänge eines Sprinters und eines Marathonläufers vor Augen führt. Der Kompressionswert eines Sport-Kompressionsstrumpfes weist auch wesentlich mehr Druck auf. Er beträgt beim Knöchel 30 mm Hg, im Gegensatz zu leichten Sportsocken mit 18 mm Hg.
Der wichtigste Unterschied entsteht aber durch den Strickvorgang. Normale Sportsocken werden angefertigt wie ein gerades Rohr mit angefügtem Fußteil (siehe auch Fußballstrümpfe). Bei der Herstellung von Kompressionsstrümpfen wird die Beinform dagegen voll berücksichtigt. Durch eine veränderte Maschenweite kann auch der ausgeübte Druck passend reguliert werden. Ganz im Gegensatz dazu die negative Wirkung eines Sportsockens: Der Druck wird mit zunehmender Wadenstärke höher und der Sockenrand hinterlässt nicht selten am Ende deutlich sichtbare Druckdellen. Das Resultat daraus ist, das solche Socken dem nötigen Abfluss geradezu im Wege stehen.
Leider wirft der Sporteinzelhandel hinsichtlich dieses Trends auch viel billige Ware auf den Markt, die keineswegs den medizinischen Qualitätsansprüchen entsprechen. Hier ein Vergleich:

Leicht stützende Sportsocken/Strümpfe Medizinische Sport-Kompressionsstrümpfe

  • 19 mm Hg auf Knöchelebene
  • progressiver Druck, physiologisch falsch
  • die Schuhgröße bestimmt die Seriengröße
  • nur wenige Serienstrümpfe, S, M, L
  • Maßanfertigung ist unmöglilch

  • 32 mm Hg beim Knöchel
  • abnehmender Druck, physiologisch notwendig
  • die Beinmaße bestimmen die Seriengröße
  • umfangreiches Angebot von Serienstrümpfen und Längen
  • Maßanfertigung ist nicht nur möglich sondern auch notwendig

Wie funktionieren die medizinischen Sport-Kompressionsstrümpfe

  1. Die Strümpfe stützen die Wade kompakt. Dadurch werden die Schwingungen der Wade während der Fußlandung stark reduziert. Die Lateralbewegung der verhältnismäßig schweren Wadenmuskulatur wird dadurch geringer. Die Folge ist weniger Muskelbeschädigungen der Wade und weniger Traktion (Zugkraft) an der Achillessehne und am Ansatz des Schienbeines.

  2. Nach einem Muskelfaserriß in der Wade werden die Wundränder durch den stark komprimierenden Kompressionsstrumpf eng zusammen gepresst (wie eine straffe Bandage). Die Folge ist eine geringere Narbenbildung. Dieses neu entstehende Bindegewebe würde niemals mehr die Elastizität des alten Muskelgewebes zurückgewinnen. Ein Risiko für neue Muskelfaserrisse entstünden. Die Bildung von ausfließenden Blutergüßen nach Rissen wird eingedämmt.

  3. Bei intensiver Belastung der Muskulatur wird Zellgewebe (= Eiweiß) zerstört. Die übrigbleibenden Gewebereste bleiben im Interstitium (Zwischenzellraum). Es handelt sich dabei um Eiweiß, das den Colloid Osmotischen Druck (COD) negativ. Es kommt zur vermehrten Wasseransammlung (Ödembildung) im Zwischenzellraum.
    Ödembildung wirkt sich aber sehr negativ auf die Mikrozirkulation im Kapillarnetz aus. Dadurch entsteht ein Stau im Gewebe und Milchsäure und Kohlensäure werden nicht mehr optimal abtransportiert. Die Zufuhr von Nährstoffen und Sauerstoff wird auch negativ beeinflusst.

  4. Wenn man die medizinischen Sport-Kompressionsstrümpfe trägt, erhöht man den Gewebedruck. Dadurch wird die Resorption des Gewebeödems (mit Abfällen des Verbrennungsprozesses) beschleunigt. Man erholt sich schneller.

Harald Herzog, holländischer Wegbereiter für die Kompressionsstrümpfe

Der heutige Aufschwung der Kompressionsstrümpfe hängt eng zusammen mit der Person von Harald Herzog. Ende der 70er Jahre des letzten Jahrhunderts war Herzog ein erfolgreicher Leichtathlet in den Niederlanden. Er erlitt damals häufig Verletzungen in der Wade einhergehend mit Verhärtungen, Muskelfaserrissen und Achillessehnenproblemen.. Herzog, auch Vater von Adrienne Herzog (Vize-Europameisterin 2008 Crosscountry U 23), konnte teilweise nur noch durch starkes Tapen der Beine laufen. Als er vor fünf Jahren beim deutschen Unternehmen Hartmann Business Unit Manager wurde und für die therapeutischen elastischen Strümpfe (Oma’s fleischfarbige Kompressionsstrümpfe) zuständig war, fing er an zu experimentieren. Denn, wie die damalige Tapebandagen – so dachte Herzog - halten die Kompressionsstrümpfe die Wade ebenso kompakt zusammen. Der Erfolg gab ihm recht. Alle Krämpfe und Faserrisse in der Wade waren bei ihm, jetzt Hobbyläufer, ab diesem Moment passé. Anfangs trug Herzog die Strümpfe nur zum Eigenbedarf, ohne über eine weitere Vermarkung in der Sportwelt nachzudenken.

„ Der erste Durchbruch kam mit Sprinter Caimin Douglas, der mit der niederländischen Staffel bei der Leichtathletik WM 2003 Dritter wurde. Durch Sportarzt Peter Vergouwen habe ich Bekanntschaft mit ihm gemacht. Caimin hatte die gleichen Problemen wie ich damals mit meinen Waden. Nach einem Training konnte er nicht mal mehr zwei Runden auslaufen, so schlimm waren seine Schmerzen. Als die Strümpfe für Caimin dann den Erfolg gebracht hatten, sagte Dr. Peter Vergouwen zu mir: „Caimin ist der lebende hundertprozentige Beweis, da brauche ich nicht erst auf das Ergebnis einer wissenschaftlichen Untersuchung warten“. Es folgten schnell weitere Athleten, die meine Strümpfe trugen: Arnoud Okken bei der Hallen-EM 2006 über 800, Simon Vroemen, Europarekordhalter über die Hindernisse mit 8:04 und Bram Som, nach sehr langen Achillessehnenbeschwerden. Nach seinem EM-Erfolg 2006 in Göteborg - er gewann dort die 800 m – kam das Projekt richtig ins Laufen.“

Die anfangs ganz normalen therapeutischen Kompressionsstrümpfe aus der Ödemtherapie wurden nach intensiven Tests und der Beurteilung von einer größeren Leichtathletiktestgruppe immer weiter entwickelt, angepasst und optimiert. Es wurden neue Microfasergarne entwickelt die einen besseren Wärmeaustausch ermöglichten. Der Ausgangsdruckwert wurde modifiziert wie auch die Dichte und die Maschenweite. Natürlich wurden die Strümpfe angepasst an die spezifischen Forderungen von Sportlern. Zusätzlich wurde in Holland ein Strumpf ohne Fußteil, Tube genannt, entwickelt. Sein Vorteil ist, dass man dann Spikes auch barfüßig tragen kann. Die Abnutzung ist hier wesentlich geringer und das Anziehen des Tubes sehr leicht. Allerdings muss der Tube im Gegensatz zum Strumpf mit Fußteil nach dem Training ausgezogen werden, um der Gefahr vorzubeugen, in Ruhe ein Ödem im Fuß zu provozieren.

Vermessen

Um den genau passenden Serienstrumpf zu finden, wird der Fuß und das Bein an ganz bestimmten, genau definierten Punkten vermessen. Diese Messungen sind sehr wichtig um eine optimale Kompression erzielen zu können. Die Fuß- oder Schuhgröße ergibt keine richtige Information über die Form (Kontur) des Beines. Bei gleicher Schuhgröße gibt es ganz verschiedene Beinformen. (Sprintertyp, Langstreckentyp). Wenn die Beinkonturen dermaßen von den angebotenen Serienstrümpfen abweichen, können Strümpfe nach den ganz individuellen Beinmaßen des Sportlers extra angefertigt werden.

Zusammenarbeit mit Global Sports Communications

Global Sports Communication (GSC), das bekannte Sportmanagementunternehmen von Jos Hermens, betreut etwa 125 internationale Topathleten aus 25 verschiedenen Ländern. GSC stattet seine Athleten/Innen bevorzugt inzwischen mit medizinischen Sport-Kompressionsstrümpfen aus.

Jos Hermens sagt dazu: „Während der Leichtatletik EM in 2006 lief Bram Som mit den Sport-Kompressionsstrümpfen. Schnell nach der EM habe ich mit dem Hersteller der Strümpfe Kontakt aufgenommen. Mittlerweile haben viele Athleten, die ich betreue diese Strümpfe getestet und im Wettkampf bzw. Training benutzt. Alle konnten von positiven Ergebnissen berichten. Als wichtigste Aspekte wurden „eine bessere Regeneration’“ und „weniger Wadenprobleme“’ genannt. Dies war für mich Grund genug, um mir die Versorgung mit diesen Strümpfen vertraglich zusichern zu lassen. Konkret beinhaltet diese Vereinbarung, dass alle unseren Athleten die Kompressionsstrümpfe benützen können und dass sie einbezogen werden bei der Weiterentwicklung des Produkts“.

Auch Harald Herzog ist sehr angetan von der Zusammenarbeit: „Ich bekomme ein sehr spezifisches Feed Back von diesen Topleuten und das ermöglicht mir, die Strümpfe immer weiter zu entwickeln und zu verbessern.“

Die Athleten von GSC gewannen seit 1985 mehr als 300 Medaillen bei Weltmeisterschaften und mehr als 80 Medaillen bei Olympischen Spielen. Darunter natürlich auch die Weltklasseleute Haile Gebrselassi, Gete Wami und Kutre Duchin, sowie die nationalen Spitzen-Asse Bram Som und Simon Vroemen.