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Neuerscheinung – Trainingskonzepte


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Kids for Olympia

Wir müssen nicht nur über das Training nachdenken

Die deutschen Läufer/Innen im Fokus der Kritik

07. August 2007 (orv) - Die Tickets nach Osaka sind gebucht. 69 deutsche Athleten/Innen werden die Reise nach Japan antreten. Darunter nur wenig Erfolg Versprechendes aus der Abteilung Lauf. Auf den früher für Deutschland so erfolgreichen Mittelstrecken wird kein einziger deutscher Vertreter an den Start gehen, Hindernisläufer Ghirmai, André Pollmächer und Jan Fitschen werden wohl mit den Nationenpunkten (Platz 1 bis 8) wenig zu tun haben. Der leitende Bundestrainer Jürgen Mallow äußerte sich dazu in der Zeitschrift „leichtathletik“: Wir müssen über das Training nachdenken, schließlich hatten die Deutschen gerade über 800 m in der Vergangenheit große Erfolge“. Der DLV Generalsekretär Frank Hensel haut in die selbe Kerbe. In einem Interview, erschienen in der Rhein-Zeitung, Ausgabe Betzdorf, vom 20. Juli 2007 äußert er sich wie folgt: „Die Läufer bereiten uns große Sorgen. Hier müssen wir neue Wege beschreiten, die Methodenfrage stellen und neue Ansätze finden. Nach der Saison werden wir uns zusammensetzen und die Konsequenzen ziehen. Den Irrweg, den wir lange gegangen sind, müssen wir verlassen.“ Da kann man schon froh über das „wir“ sein und hoffentlich dabei an die Pflichten des Verbandes in Richtung Bedingungen, Voraussetzungen und Führung des Enwicklungsprozesses denkt.

Lassen Sie uns da nun auch mal die andere Seite hören. Jeder, der auch nur ein wenig in die Laufszene involviert ist, hat Sabrina Mockenhaupts „Irrfahrt“ in Richtung Osaka mit bekommen. Warum auch immer, die A-Norm wurde mehrmals knapp verfehlt und als das Kind mit Mockis freiwilligem Verzicht endgültig in den Brunnen gefallen war, bemerkte Jürgen Mallow dazu: „Wir hätten Sabrina Mockenhaupt auch mit der B-Norm mitgenommen.“ Für die laufinteressierte Betrachterschar indessen war dies ein „etwas seltsamer“ Kommentar der Sachlage, die sich nach dem verpatzten Oslo-Start zeigte. Das hat nun endgültig auch Mockenhaupt-Trainer Heiner Weber, eigentlich ein ganz Ruhiger seiner Branche, auf den Plan gerufen. Auf Anlass des Hensel-Interviews fragt er den zuständigen Bundestrainer Detlef Uhlemann: „Was meint Hensel konkret? Was wird falsch gemacht? Welcher Irrweg muss verlassen werden und welche Konsequenzen sind zu fordern?“ Detlef Uhlemann sieht Hensels Interview nicht unbedingt als Kampfansage. Er will diese Dinge zunächst im Herbst intern besprochen haben. „Ich scheue keine Diskussion, im Grunde haben wir doch alle das selbe Ziel, nämlich besser zu werden.“

Man spricht nicht gerne über die Probleme

Fakt ist für ihn aber auch, dass eine klassische Analyse des hier und jetzt Trainierten der letzten Jahre bisher nicht stattgefunden hat. Erfolgreiche Arbeit wurde stark individualisiert erledigt. Der alte Rahmentrainingsplan existiert und ist in seinen Grundaussagen mit Sicherheit aussagekräftig, über den Anschluss an die internationale Klasse ist aber darin wenig nachzulesen, auch nicht über die Wege und Voraussetzungen in Richtung Hochleistungssport. Genau um das sollte es aber gehen, zumindest, wenn wir den Anschluss auf breiter Front wieder schaffen wollen. Mit Recht ist der DLV auf seine beiden Europameister des letzten Jahres stolz und die erfolgreichen Athleten/Innen haben dafür jahrelang hart gearbeitet. So kann es dann auch nur begrüßt werden, wenn Tonno Kirschbaum, der Trainer von Jan Fitschen, in der Zeitschrift „Leichtathletik Training“ in die Offensive geht und die Karten zumindest für Jan Fitschen auf den Tisch legt. Vorbildlich, weiterführend und absolut konstruktiv. Nun sollte der Ball aufgenommen werden, um Defizite, die der deutsche Lauf hat, möglichst bald aufzuarbeiten.

Eine echte leistungsfördernde Wettkampfstruktur fehlt

Eine in der Tat desaströse Wettkampfsituation im Bereich der Bundesrepublik beklagt auch der Bundestrainer. „Hier gibt es große Defizite und es ist sicher nicht einfach gerade im Frauenbereich zur passenden Zeit die qualitativ passenden Wettkämpfe mit der adäquaten Konkurrenz zu finden. Zumindest nicht in Deutschland.“ „Die Wattenscheider fahren schon lange zum Flanderncup“, bemerkt Detlef Uhlemann dazu und meint eine gut funktionierende Wettkampfstruktur im vergleichsweise kleinen Belgien. Heustel, Dommelhof, Ninove, Tessenderlo, Merksem, alles Städte die kein Mensch in diesem unseren Lande kennt, in Läuferkreisen sind sie wohl bekannt. Sie haben eben das, was in Deutschland auf gewissen Distanzen nur noch ganz, ganz wenige Veranstaltungen zu bieten haben, zum Beispiel Koblenz für die 5000 m.

Betrachtet man sich die deutsche Bestenliste, vor allem die der Frauen, wird einem Angst und Bange. Paradebeispiel 5000 m: Die zwölfeinhalb Runden werden defacto nur noch bei Meisterschaften gelaufen und sind dann auf Grund ihrer großen Leistungsstreuung, der auch vielleicht einzustreuenden taktischen Hintergedanken einzelner Läuferinnen, der oft nur geringen Teilnehmerzahlen ganz und gar nicht geeignet, um die Disziplin leistungsgerecht weiterzubringen. Beispiel 3000 m Hindernis der Frauen: Das absolute Highlight des Jahres fand in Dommelhof am 2. Juni in Belgien statt. Unsere derzeit vier besten Läuferinnen, allesamt Juniorinnen, sackten vier Jahresbestleistungen ein, von denen gleich drei auch noch neue Hausrekorde waren. Der Ansatz am Wochenende drauf, Ähnliches beim einzig in Deutschland angesetzten Normrennen in Regensburg, nochmals zu versuchen, scheiterte kläglich. Drei der vier Schnellsten fehlte. Was im Skilauf im Interkontinetalcup, im Europacup und auch im Weltcup absolut die Regel ist, nämlich die Wettkampfserien anzunehmen, scheint in der Leichtathletik immer noch unvorstellbar. Man holt sich seine Bestzeit, freut sich darüber, zieht sich zurück und wundert sich, wenn beim entscheidenden Einsatz die nötige Wettkampfstabilität fehlt. Was für die Hindernisläuferinnen in Dommelhof so hoffnungsvoll begann, endete leider im Verlauf der Saison im Tal der Tränen und Irrungen. Das Meisterschaftsrennen selbst war ein deutlicher Ausdruck dafür. Deshalb muss über eine leistungsunterstützende Wettkampfstruktur nachgedacht werden, auch über das „Wie“ der Zusammensetzung der dann qualitativ gut abgestimmten Felder, ebenso über die langfristige Saisonplanung der Kaderathleten/Innen und deren Einbindung in ein leistungsprägendes Wettkampfsystem.

Sich den Stinkefinger gegenseitig zu zeigen, kann nicht Sinn der Sache zu sein. Der DLV schiebt die Sache den German Meetings rüber, die German Meetings schicken alles wieder retour zum DLV. Beide haben recht und auch wieder nicht. Eins steht jedoch fest. So richtig miteinander geredet haben die beteiligten Bereiche miteinander noch nicht, leider auch nicht die betroffenen Trainer/Athleten/Innen. Vielleicht hält der Sprint dazu den Schlüssel in der Hand. Die haben sich nämlich einen Teammanager geleistet und treten seitdem wesentlich geschlossener auf. Auch wenn der Auftritt der Sprinter/Innen bei der DM sich dem allgemeinen Desaster der Leichtathletik adäquat angepasst hat, so ist es der „schnellen Abteilung“ dennoch gelungen, ihr Planziel Staffelqualifikation genau dort abzuhaken, wo sie es auch vor hatten.

Reicht das Potential überhaupt zum internationalen Anschluss?

Diese Frage hat sich wohl auch Detlef Uhlemann insgeheim wohl schon oft gestellt. „Sicher trainieren viele mit Sicherheit nicht schlechter, als all die erfolgreichen Läufer/Innen der 70er Jahre. Vielleicht sind viele ganz einfach am oberen Level ihres eigentlich Potentials angekommen“. Diese Frage ist sicher nur bei ganz individueller Betrachtung zu beantworten. Einst steht jedoch fest. Die deutsche Lauflandschaft wirft nach wie vor siebzehn- bis zwanzigjährige Talente in ausreichender Anzahl aus, um damit einen systematischen Weg einzuschlagen. Was hilft aber ein spanisches Trainingslager mit Miki und Mocki, den vier Juniorinnen der Hindernisstrecke und dem ganzen Clan von Heimtrainern und persönlichen Interessen, wenn keiner die Kompetenz hat, alle am gleichen Strang ziehen zu lassen. Soll gleichzeitig aber auch heißen, dass besagte Juniorinnen mit Miki und Mocki gar nicht an einem gleichen Strang ziehen können. Ist der Vorschlag, die besten Nachwuchsläufer/Innen (ca 10-12 an der Zahl), leistungsadäquat und trainingswillig, einfach mal mit einem unabhängigen Bundestrainer für mehrere Jahre über eine straffe Wettkampfgestaltung bzw. -organisation und Periodisierungsstruktur an die Hand zu nehmen, sich langfristige Ziel zu setzen, wirklich so vermessen und unter keinen Umständen umsetzbar? Sie einfach besser werden zu lassen. Es wäre doch schon ein Fortschritt, wenn in Deutschlands Bestenlisten bei den 3000 m der Frauen einer Zehnerpack von Zeiten um die neun Minuten und drunter zu finden wären. Gleiches gilt für die anderen Strecken. Ich glaube, das Potential ist immer noch da, allein die Strukturen zum Erreichen des Ziels fehlen uns. Wie sagte doch Detlef Uhlemann zu diesem Thema richtig: „Der Verband sind wir alle“. Also packen wir es doch einfach mal an. Intern ist schon richtig und gemeinsam auch, mal sehen, was heraus kommt. Es wird jedenfalls ein spannender Herbst für den deutschen Lauf. Wir werden natürlich über die Ergebnisse bei gegebener Zeit berichten. Keine Ergebnisse, wie immer sie auch ausfallen werden, wären allerdings die schlechteste aller Lösungen.

Es ist uns völlig klar, dass dies keine direkten Aufgaben des DLV und seiner Landesverbände sind. Mit den „alten Karten“, sprich Strukturen weiterzuarbeiten, hieße jedoch, sich die schlechten Karten bis zur endgültigen Bedeutungslosigkeit zuzuschieben. Wer nicht sät, kann auch nicht ernten. Die Talente wachsen nicht mehr einfach nur heran. Der Verband hat wohl das Problem nicht nur auf Grund der wenig befriedigenden Erfurter Meisterschaften erkannt. Er hat zwei Stellen, die eines Projektmanager/-in "Wettkampforganisation" und eines Veranstaltungs-/Eventmanager/-in zum 1. Oktober 2007 ausgeschrieben, denkt dabei aber bevorzug an sein eigenes Geschäft, die jeweiligen Deutschen Meisterschaften. Lobenswert der Ansatz aber zugleich deutliches Indiz dafür, dass es selbst im Kerngeschäft, den Meisterschaften, „veranstaltungstechnisch“ lichterloh brennt.

 

Foto: Sabrina Mockenhaupt, Bultmann / Dreier, Filmon Ghirmai, René Herms, Julia Kick (Kiefner-Fotos)