Im Jugend-Aufbautraining auf das Hochleistungstraining vorbereiten
Olympische Spiele der Jugend ab 2010 – Neue Herausforderung mit Gefahren verbunden
Kürten/Regensburg, 13. Juni 2007 (Pö/orv) - Der Schnellschuß des IOC, Olympische Spiele für die Jugend bereits ab 2010 durchzuführen, hat sicher alle überrascht und wird noch längere Zeit Fachleute und Journalisten zu kontroversen Diskussionen herausfordern. Die Geschichte des Sports zeigt , das man über die Teilnahme überhaupt nicht diskutieren sollte. Natürlich werden wir teilnehmen. Alle Boykotts der Geschichte haben gezeigt, dass der Lauf der Welt nicht aufzuhalten ist. Ist dies geklärt stellen sich sofort die Fragen nach den Konsequenzen, vor allem die Frage des „wie“ muss sehr gründlich diskutiert werden. Eins ist klar, bleiben wir weg, bleiben wir auf der Strecke.
Den Wandel annehmen – uns bleibt gar nichts anderes übrig
Viele neue Ideen, die die Leichtathletik veränderten, wurden in den letzten Jahrzehnten (U23/U20/U18, die neuen Frauendisziplinen, Regelveränderungen usw.) auch im DLV umgesetzt. Die Tatsache, dass all diese Veränderungen die Leichtathletik nicht beschädigt haben, sollte uns mahnen, sachlich an diesen doch schon außergewöhnlichen Deal – vielleicht mit dem vorrangigen Ziel weitere Werbemillionen einzufahren – heranzugehen. Schließlich betrifft es alle olympischen Sportarten und wir werden sicher nicht zögern.
Also muss möglichst bald die wichtigste strategische Entscheidung fallen: welche Ziele werden sich für unsere jungen Talente mit Olympia verbinden? Nationenwertung, Medaillenspiegel, Endkampf oder nur Teilnahme, oder sollten diese Weltspiele auch der Jugend-Leichtathletik für uns „Mittel zum Zweck“ sein? Mit diesem Zweck meinen wir die Vorbereitung auf die Zeit des Hochleistungstrainings, des Erwachsenenseins, der persönlichen Höchstleistung nach einem mehrjährigen systematischen Aufbau, unter Berücksichtigung des jungen, heranwachsenden, sich noch entwickelnden Organismus. Die Frage nach einer kleinen oder großen Mannschaft sollte innerhalb der nächsten drei Jahre in Ruhe beraten werden, wenn man mehr weiß.
„Goldkörnchen“ nicht verheizen, sondern auf später vorbereiten
Wir plädieren für Gesundheit zuerst, bei Beibehaltung des Hauptziels eines systematischen Aufbaus der Belastungsverträglichkeit für zunehmend höhere Beanspruchungen und der Ernte möglichst früh (entsprechend der internationalen Tendenzen) aber erst ab einem Alter um die 20. Trotzdem wollen wir den Leistungsfortschritt auch in der Jugend. Die Vergangenheit lehrt, das dabei dem DLV eine komplizierte Aufgabe zukommen wird.
Extreme müssen nicht nur vermieden, sondern verhindert werden.
Der bekannte „Über-Ehrgeiz“ von Vätern, Müttern oder auch Trainern und Managern, die Bereitschaft Jugendlicher unter Ausschöpfung aller Möglichkeiten zu nutzen, die einmalige Chance zu haben bei „Olympischen Spielen“ zu glänzen, muss überwachend ausgeschlossen werden. Dies wird schwer. Deshalb kommt den zu erarbeitenden Nominierungskriterien eine außerordentliche Bedeutung zu.
Olympia der Jugend darf nur Zwischenstation auf dem weiteren Weg nach oben bleiben, auch wenn wir uns dort mit unseren Athleten nur im Anschlussbereich, nicht ganz vorn, wieder finden. Der frühzeitige Verschleiß muss ausgeschlossen werden. Deshalb sollte der DLV nicht zögern möglichst bald, noch 2007, seine Strategie vorzugeben. Dabei ist zu bedenken, dass junge Talente – die Elite – und auch die sogenannten Frühentwickler in diesem Altersbereich schon zu teilweise erstaunlich guten Leistungen fähig sind, im Laufbereich werden es uns die afrikanischen und asiatischen Länder bestimmt schwermachen. Die Nachwuchsländerkämpfe in Europa haben wiederholt gezeigt, dass wir im Vergleich mit unserer Jugendarbeit gar nicht so schlecht dastehen.
Kaderbildung muss auch Spätzünder zulassen
Bei der Kaderbildung der nächsten Jahre sollte aber immer bedacht werden, dass für eine weitere Förderung nicht nur Jugendliche in Frage kommen dürfen, die bei Olympischen Spielen der Jugend waren!
Hilfreich wäre, diese Motivationsmöglichkeit zu weiteren Fortschritten innerhalb unseres trainingsmethodischen Vorgehens zu nutzen, mit den Besten vor allem die Anzahl der Trainingseinheiten schon frühzeitiger zu erhöhen und neue Initiativen zum Auffinden von Talenten im Kindertraining zu installieren. Die Olympiaaufgabe sollte uns vor allem auch zu veränderter zielgerichteter Arbeit im Kindertraining führen, Talente suchen und früher vielseitig, zielgerichtet ausbilden, dies sollte eine vorrangige Aufgabe in den LV werden, damit wir zukünftig für die Olympischen Spiele der Jugend aus einer größeren Breite auswählen können. Diese neue Aufgabe zwingt zu veränderten Prioritäten, zu einem „früher“auf breiter Front. Es wäre deshalb auch sinnvoll für die in diesem Altersbereich arbeitenden Trainer in einer Trainerfortbildungs-Fortsetzungsreihe der DLV-Trainerschule und in den Landesverbänden die sich aus dieser Aufgabe ergebenden veränderten Inhalte zu vermitteln, breit zu diskutieren und alle Beteiligten gleichzeitig für diese neue Aufgabe zu motivieren. Der Schub wird durch diesen Beschluß aus anderen Ländern bestimmt kommen.
Die Wissenschaften sind gefragt
Der oft platten Aussage, vor allem in der Mädchen-Leichtathletik, „die wurde verheizt“, sollte eine seriöse Forschung der Entwicklung bzw. aber auch der Entwicklungsschwierigkeiten junger Leichtathleten entgegengehalten werden können. Die letzten zwanzig Jahre ist hier nichts mehr geschehen. Der plumpe Glaube, aus jedem Jugendtalent würde sich auch ein Hochleistungskörper entwickeln, führt in den meisten Fällen zu herber Enttäuschung am Kleinsystem („der wurde verheizt“) bzw. am Athleten selbst („dem fehlte die Einstellung“). Der komplizierte Vorgang des Erwachsenwerdens wird meist nur an äußeren Merkmalen festgemacht, die Schübe des Organwachstums bzw. die gerade in den letzten Jahren festzustellende Verschiebung der mentalen Reife nach hinten (jenseits des 23. Lebensjahres) nicht berücksichtigt. Über das Wie und Wann der genetischen Einschüsse, ererbter Bewegungsmuster und mentaler Orientierungsmöglichkeiten in Zusammenhang mit dem Leistungssport gibt es wenige bis gar keine empirische Untersuchungen. Die in vielen Bereichen hilfreiche Trainingssystematik der ehemaligen DDR hatte hier keinen Bedarf. Das System konnte Hebel ansetzen, diese sind uns allen bekannt, brauchen hier nicht mehr erläuert werden, sind aber im derzeitigen Geselschaftsmuster nicht anwendbar, daher wirkungslos.
Eine Strukturreform des Verbandes ist überfällig
Diese Aufgaben den teils finanziell maroden Landesverbänden zu überlassen, heißt grob fahrlässig handeln. Wo der Coopertest im Ausdauerbereich noch immer den Laktattest ersetzen muss, kann über aufwendige Untersuchungen gar nicht nachgedacht werden. Die Versuche so mancher Landesfürsten, im Alleingang Hochleistungssport ganz unten (Nachwuchsbereich) möglich zu machen, müssen spätestens dann scheitern, wenn im Juniorenbereich die Anschlussmölichkeiten fehlen. Hochleistungssport gehört in eine Hand und zwar von Anfang an, wobei es zu einer deutlichen Verschiebung der Arbeitsbereiche in den Landesberbänden kommen muss. Ein Hochleistungsstab im DLV muss unabhängig handeln können und dafür ist ihm in den Landesverbänden organisatorisch der Boden zu bereiten. Der Kampf um’s Talent zwischen Landes-, Bundes- und Heimtrainer muss zur sinnvollen Kooperation zwischen Heim- und Leistungssportkoordinator/Bundestrainer umgewandelt werden. Der Rattenschwanz von unmäßig aufgeblasenen D-Kadern, übrigens vom DOSB schon längst erkannt, muss im Sinne einer individuellen Top-Talent-Förderung abgebaut werden, die bundesweit kooperiert. Beispiel: Eine 9:30 B-Jugendliche über 3000 m hat wenig von ihren 15 10:30 laufenden Landeskaderkolleginnen, aber viel von einem leistungsorientierten Bundescamp mit sechs bis acht leistungsgleichen Jugendlichen.
Fotos: Stefan Matula, Christian Blum und Susi Lutz (Kiefner-Fotos)
© Lothar Pöhlitz / Kurt Ring



