Schon im Kindergarten und in der Schule „bewegen lehren“ lassen
Oft ist weniger mehr – Ins Wenige muss aber dann kräftig investiert werden
Von Kurt Ring / Lothar Pöhlitz
22. Juni 2007 - Im Auftrag der Deutschen Angestellten Krankenkasse (DAK) ermittelte das Meinungsforschungsinstitut Forsa bei einer Befragung von 100 Kindergärten das Laufen, Radfahren, Schwimmen oder Fußballspielen bei vielen Kindern ein Graus „wäre“ und das diese Entwicklung zu Bewegungsmuffeln in den vergangenen zehn Jahren stark zugenommen habe. (Bericht Bergische Rundschau 12.6.2007) Mangelnde Beweglichkeit, Koordinationsprobleme und Haltungsschäden seien häufig. Schon ein Ball oder die Balance zu halten bereite vielen Kindern Schwierigkeiten. Nach Meinung von 98% der Ärzte liege es an zu intensivem Fernsehkonsum und stundenlangen Sitzen vor dem Computer, dass den Jugendlichen häufig schon nach wenigen Minuten die Puste ausgehe (dpa). Abhilfe soll die bundesweite Aktion „Bewegungscamps“ von DAK und DLV in verschiedenen Städten Deutschlands schaffen.
Solche Aktionen des DLV kann man nur begrüßen. Sind sie aber nicht nur punktuelle Anstöße? Werden sie auch von den örtlichen Organisationen oder der Politik aufgegriffen und weitergeführt? Verantwortung für die Gesundheit und Fitness unserer Kinder und Jugendlichen zu übernehmen ist die Aufgabe der Stunde, Rauchverbot und Alkoholmißbrauch sind nur die ersten Schritte zur Wiedergesundung der Nation.
Wir möchten gern Anstöße für „mehr“ geben. In einem unserer früheren Beiträge zu diesem Thema haben wir bereits auf die Verantwortung vor allem der Eltern für Ernährung und das Bewegen ihrer Kinder im frühen Kindesalter hingewiesen und die Verantwortung der Schule innerhalb eines dringend weiterzuentwickelnden Sportunterrichts für die Gesundheit und Leistungsfähigkeit aufmerksam gemacht. Viele Jahre haben Kindergärten und Schule Einfluss auf die Erziehung und Wissensvermittlung, auf die Ausprägung der Intelligenz. Die mögliche Einflussnahme auf die körperliche Fitness, auf mögliche Anforderungen die für jeden Einzelnen – auch für die, die bereits in die 1. Klasse mit teilweise erstaunlichem Übergewicht eingeschult werden – die Möglichkeit böte, ihre Leistungsfähigkeit von Jahr zu Jahr weiterzuentwickeln, ist vielerorts zu gering. Deshalb regen wir weitere Aktivitäten an, die zum Ziel haben:
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Dazu bedarf es vor allem der Qualifizierung der KindergärtnerInnen und der Sportlehrer in den Schulen, zunächst vorrangig in den 1.-4.Klassen – später mehr. Die Phase des „Wohlfühlens beim Ball über die Schnur“ muss möglichst schnell überwunden werden. Dazu Bedarf es sicher auch entsprechender Vorgaben der Schulbehörden und weitreichenden Überlegungen, wer dafür in Zukunft zuständig sein könnte bzw. müsste. Wir sind sicher, eine solche Mammutaufgabe in Ost und West ist nur im TEAM, vielleicht auch zusammen mit der Deutschen Sporthochschule Köln zu lösen.
Auch unsere Regierung und die Regierungen der Länder tragen Verantwortung, müssten sich bei dieser Aufgabe mit nationalen Interesse im Rahmen ihrer Bildungsoffensive an die Spitze stellen. Parallel dazu müsste eine solche Schwerpunktaufgabe ab sofort in die Schulsportlehrer-Ausbildung aufgenommen werden. Es darf keine weiteren Verzögerungen geben, der Zug ist doch schon lange abgefahren. Ein sofortiges „STOP“ ist erforderlich mit der entsprechenden Kehrtwendung. Die Frage muss heißen: was kann sofort getan werden, welche Aufgaben müssen eingeleitet werden.
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Sicher wird auch der Leichtathletik-Verband helfen, sein eigentliches Anliegen kann es aber nicht sein. Dafür erfordern die eigenen Baustellen bereits mehr Kraft, als gegenwärtig aufzubringen ist. Also stellt sich die Frage welche Politiker nehmen sich dieser dankenswerten Aufgabe an, wer stellt sich an die Spitze? Die Ernährungslehre und Bewegungssport müssen deshalb einen bedeutenden Platz in Kindergärten und in der Schule einnehmen. Allein den immer noch fast komplett ehrenamtlich geführten Vereinen diese Aufgabe aufzubürden, würde kläglich am Ziel vorbeiführen. Aktionen wie Sport nach eins oder die KISS (Kindersportschule) werden verpuffen, wenn nicht professionelle Partnerschaften zwischen Eltern, Kommunen und Vereinen entstehen. In Zeiten, in denen die Nachmittagsbetreuung unseres Nachwuchses im Fokus der Öffentlichkeit ist, wie nie zuvor, darf die Erziehung unserer Kinder nicht unter der Schwerpunktlegung Beaufsichtigung stattfinden.
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Es wird höchste Zeit, sich zu überlegen,was unsere Kinder in ihrer Freizeit wirklich brauchen. Viele Ausbildende, aber auch der Lehrkörper aller Schularten vermissen vor allem Kreativität, körperliche und geistige Gewandtheit, konstruktives Denken und Verantwortlichkeit für eigene Lösungen. Hand auf’s Herz: Was haben wir denn in den letzten Jahrzehnten dafür in die Erziehung eingebracht. Geld macht bequem und leider auch geistig träge. Anstatt den Kindern das beste Spielzeug, die freie Natur anzubieten, stopfen wir sie mit von Erwachsenen erfundenen Elekronikschrott zu, verhinderten „blutige Knie“ und damit auch das ungehemmte schnelle Herumtollen, würden unsere Liebsten einfach am besten in Watte packen. Der Satz „Ich weiß am besten, was mein Kind braucht“, dokumentierte in all den Jahren die immer größere Allmacht Erziehender, die mit immer größeren Zeitaufwänden ohne lang nachzudenken, den Kindern ihre Erwachsenenwelt überstülpten.
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So müssen denn unsere Kinder lernen, in ihrer Freizeit nicht nur zu konsumieren. Erster Punkt ist dazu ein guter Schuss Langeweile. Wer sich langweilt, muss Ideen entwickeln, wie er sich diese Umstandes möglichst schnell entledigen kann. Ein zweiter wichtiger Punkt ist der Entzug. Wo 16 Jungs mit 16 Topbällen auf der Wiese stehen, wird der Egoismus blühen. Wenn 19 Jungs sich einen Ball teilen müssen, wird Teamarbeit gefragt sein. Ich weiß nicht mehr genau, was ein kluger Schweizer Pädagoge für das Spielen der Kids forderte. Eins weiß ich aber daraus noch genau: Wiese, Wasser, Ball und ein bisschen Wildnis, mehr wollte der Mann gar nicht für die Kinder haben. Weg also mit den globigen Kinderspielplätzen, hin zum „wilden“ Gelände, mit dem sich natürlich kein ehrgeiziger Kommunalpolitiker schmücken kann. Weg vom allumfassenden, strangulierenden Aufsichtsparagraphen, der jegliche Kreativität abschnürt und Unfälle bei ständig beaufsichtigten, fremdgeleiteten und dadurch quengeligen Kindern nur noch fördert. Weg mit der ständigen Angst, unsere Kinder würden schon hinter der Haustür vom schwarzen Mann verführt, trotz Rettungsschwimmerabzeichen in der nächsten Pfütze ertrinken und sich an der nächsten Treppe zu Tode stürzen. Unsere Kinder sind genauso stark wie wir vor etlichen Jahrzehnten, wir müssen sie nur wieder gewähren lassen und ihnen schlicht und einfach all jene dummen modernen Spielzeuge rechtzeitig abnehmen.
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So wäre denn auch eine KISS auf den fast überall verwaisten, inzwischen von den meisten Kommunen aufgekauften Vereinsanlagen ein erster Schritt von der Degeneration zur Regeneration und Förderung der geistigen und körperlichen Kräfte unseres Nachwuchses. Die Verantwortung dafür muss aber kommunal oder regional sein. Man muss nur mal richtig Geld in die Hand nehmen, ein paar erfahrene Pädagogen und Sportlehrer mit wenig Selbstdarstellungstrieb und viel dezenter Zurückhaltung, was hier einfach nicht als Faulheit zu verstehen ist, einstellen. So manches unnütze Vereinsgelände nicht allein als Seniorentummelplätze (wir brauchen wirklich nicht mehr Senioren-Weltmeister als wir eh schon haben!) sondern für freies Sporttreiben freigeben und den Eltern das Gefühl geben, dass ihre Kids prächtig und sicher aufgehoben sind. Eine vernünftige Hausaufgabenbetreuung sollte noch dazukommen und ebenso ein professionelles Management, das den Eltern transparent macht, dass alles Gute im Leben auch ein wenig kostet.
Fotos: Formel 1 - 3; Gut gedreht und weit hinaus; Anlaufen, abspringen und weit fliegen (Leichtathletik-in-Aktion)


