Ein starker Körper braucht auch eine starke Psyche
Eigenverantwortlichkeit im Leistungssport - Teil 2
27. November 2007 (Ring) - Auch wenn dein Trainer Berater, elterlicher Freund, Motivator und Mädchen für alles ist, bleibt die letzte Verantwortlichkeit deines Handelns immer in deinen Händen. Dem Trainer blind vertrauen, ja oft sogar Probleme und Zeichen deines Körpers, die nur du fühlen kannst, zu verschweigen, ist falsch. Dein Trainer ist keineswegs dein Befehlshaber. Dein Coach, dem du vertraust, dem du aber auch einmal Inhalte aus wohl überlegten Gründen ablehnst, wird im Lauf der Jahre immer mehr zum Partner werden, sofern du ihm ein menschliches Feedback gibst und dich nicht nur „unterwirfst“. Ein guter Coach wird immer den mündigen Athleten/In zu formen versuchen, letztendlich bist du später im großen Rund eines Meisterschaftsstadions auch weitgehend allein. Kai Scholz drückt das in Leichtathletiktraining 7/07 – Seite 38 so aus: Die Erfahrung zeigt sogar, dass Du erfolgreicher sein wirst, wenn Du einem „schlechten Trainer” vertraust, als an einem guten Trainer zweifelst. — Im Idealfall vertraust Du natürlich einem guten Trainer. Und nicht vergessen: Auch wenn Dein Trainer noch so viel Erfahrung und Wissen hat, kann er nie in jeder Situation die richtigen Entscheidungen treffen. Vieles ist häufig „Versuch und Irrtum”, aber Ihr werdet gemeinsam wachsen.
Eingefahrene Wege verlassen
Jörg Löhr, ehemaliger Handballnationaltrainer und jetzt erfolgreicher personal coach drückt das so aus: Menschen bewegen sich gerne in einer gewohnten Eihülle, selbst dann, wenn sie Unzufriedenheitsfaktoren aufweisen. Diese zu verlassen erzeugt zunächst die Angst, sich in unbekannte Gefilde zu begeben und dort vielleicht hilflos zu sein. Außerdem tut’s weh, weil neues Handeln das Ersetzen alter „Strickmuster“ erfordert. Will man also etwas verändern, muss man zwangsläufig sein bisheriges Verhalten ändern. Hilfreich und ratsam ist so ein Gedanke, wenn das eigene System für die möglichen individuellen Ziele sich als nicht mehr tragfähig erweist, oft der Fall im Übergang vom wohlbehüteten Jugendaufbautraining im kleinen Verein hin zum geforderten Anschlusstraining. Wer hier nicht den Schritt zu hochleistungserfahrenen Systemen macht, wird letztendlich erfolglos bleiben.
Für jüngere Athleten/Innen birgt jener Ansatz aber auch Gefahr. Nicht jede Formschwankung, nicht jedes schlechte Rennen ist dazu geeignet, den vertrauten Weg zu verlassen. Einen neuen Weg zu gehen, bedeutet immer, sich auf unbekanntes Terrain zu begeben, mit einem Rüstzeug, das in vielen Fällen nicht ausreicht, den neuen Hindernissen gekonnt und sicher zu begegnen. In solchen Fällen ist Rat von mehreren, möglichst unabhängigen Kennern der Materie einzuholen.
Das Umfeld beeinflusst die Leistung im hohen Maße
„Vogel fliegt, Fisch Schwimmt und Läufer läuft“, dieser Satz von Emil Zatopek gibt immer noch preis, was viele denken. Wer als Läufer gut werden muss, muss einfach Kilometer in hoher Qualität schrubben. Für den Hochleistungssport ist allerdings ein wenig mehr notwendig. Umfeldfaktoren spielen eine überragende Rolle. Das geht beim hochleistungserfahrenen Physio an und endet vielleicht bei einer hochleistungssportgerechten Ernährung oder Unterbringung.
Das neue Stadion, die Halle mit der 200 m Rundbahn allein wird noch keine neuen Leistungssportler produzieren. Dahinter stehen immer Menschen, die ein großes Ziel vor Augen haben: Immer das Letzte aus sich herauszuholen. Ideal sind die Umfeldbedingungen erst, wenn sie dem Eigentlichen hundertprozentig dienen. So manche Klimaanlage in den modernen Hightech-Hallen kann gesundheitlich mehr Schaden anrichten als ein wohl dosiertes Training im klirrenden Frost eines Wintertages.
Unter optimalen Umfeld ist immer das speziell individuell optimale Umfeld zu verstehen. Da kann durchaus auch mal – für Läufer – die wohl temperierte Hallenrundbahn im Winter fehlen. Das heißt aber noch lange nicht, sich mit jedem Ungemach abzufinden nach dem Motto: „Das geht halt nicht, weil es nicht geht.“ Eine ruhige Überprüfung des Ist-Zustandes kann nie schaden im Hinblick auf die Ignoranten des oft Machbaren.

Zur eigenen Verantwortung gehört auch das Management des „übrigen Lebens“
Ganz entscheidend für den erfolgreichen Leistungssportler sind die indirekten Einflussgrößen. Dazu gehört ausreichend Schlaf, gesunde Ernährung, Dein Körpergewicht, Deine seelische und körperliche Gesundheit, einen aktiven Umgang mit Verletzungen, ausreichende Regeneration vor Hauptwettkämpfen usw.! Schon oft wurde ein unglaublicher Trainingsfleiß von manchen Athleten durch ungenügende Aufmerksamkeit in diesem Bereich zunichte gemacht.
Der richtige Umgang mit Verletzungen
Verletzungen sind keine extraordinäre Bestrafung nur für dich. Verletzungen gehören zum Leistungstraining. Wer an seine Grenzen will, muss ausgrenzen, auch körperlich. Das richtige Maß dafür zu finden, ist nicht immer leicht, schon gar nicht beim heranwachsenden Körper. Such dir dazu ein leistungssportliches Umfeld, das mit diesen Problemen umgehen kann. Die werden dich dann sicher bei der Hand nehmen. Verletzt sein heißt noch lange nicht, alle Aktivitäten einstellen zu müssen. Nimm den Störfall als (überwindbaren) Teil deiner leistungssportlichen Entwicklung an. Nicht das Ziel ändert sich, sondern nur der Weg dorthin. Erfahrene Sportmediziner werden dir ganz schnell den Weg zeigen. Es gibt Fälle, bei denen es Mediziner geschafft haben, den Athleten auch während der Verletzung psychisch auf „optimistisch nach vorne schauend“ zu halten. Nur wer sich fallen lässt, also aufgibt, fällt wirklich. Eines bleibt dennoch unverrückbar: Jede Verletzung hat seine Heilungszeitdauer, die kann im Regelfall auch vom besten Sportmediziner nicht verkürzt werden. Verletzungen in der ersten Vorbereitungsperiode berechtigen noch lange nicht zur Aufgabe der Ziele für den Sommer.
Achte auf eine ausreichende Regeneration!
Es gibt viele Athleten, die in den Trainingsphasen ihre Möglichkeiten nicht ausreizen, aber auch einige, die all zu gerne übertreiben: Sehr trainingsfleißige Athleten, die häufig in der Phase unmittelbar vor einem Hauptwettkampf zu viel trainieren. Achte darauf, denn nur im ausgeruhten Zustand kannst Du Deine Leistung bringen! Die Regenerationsphase aber unmittelbar vor dem wichtigen Wettkampf anzusetzen, hieße ebenfalls den Teufel mit dem Belzebub austreiben. Das Hochleistungssystem muss auch vor dem entscheidenden Wettkampf hochgefahren bleiben oder eben unmittelbar vorher wieder hochgefahren werden. Vor einer in der Seniorenklasse zur Unart gewordenen Vorgangsweise sei auch gewarnt. Die als Hauptregenerationszeit vorgesehene Urlaubs- oder Ferienzeit ist kein idealer Zeitpunkt für ein Trainingslager. Irgendwann im Jahr muss der Körper einmal raus aus dem Leistungsstress.

Gewinner sind selten Trainingsweltmeister
Die ständige Suche nach der Höchstleistung macht unsicher. Kann ich die Prognose überhaupt erfüllen, schaffe ich das Ziel! Die Verführung, die vermisste Sicherheit und das fehlende Vertrauen in seine eigene Leistungsfähigkeit durch ständige Höchstleistungen im Training aufzuwerten, ist gerade bei Heranwachsenden sehr groß. Es kommt nicht selten zur Überreizung der noch fragilen Systeme und zu einem deutlichen Missverhältnis von Trainingswerten zu Wettkampfergebnissen. Das richtige Verhältnis kann in aller Regel nur der erfahrene Trainer einschätzen. Dies ist im Übrigen eine Kunst für sich, weil die Einflussgrößen auf Wettkämpfe vielfältiger, aber nicht immer leistungsfördernder Natur (Taktik, Witterung usw.) sind.
Die ständige Suche nach Gründen, warum die eigenen Erwartungen nicht ganz eingetreten sind, helfen nicht weiter. Es gibt selten Wettkämpfe, wo alle idealen Bedingungen zusammentreffen. In diesem Zusammenhang sei auch gesagt, dass der Sieg viel wichtiger ist, als die erzielte Zeit. Sicher hilft das allen Geschlagenen nicht weiter, vor allem denen nicht, die sich in der Unendlichkeit des Mittelfeldes wiederfinden. Doch auch denen sei gesagt: Jeder unmittelbar von dir niedergerungene Mitkonkurrent ist mehr wert, als die später am Papier stehenden ein paar Zehntel weniger in deiner Gesamtzeit. Noch eins: Wer seine Ängste vor der grenzwertigen Belastungen vor dem Trainer verbirgt, dem kann auch nicht geholfen werden.
Kai Scholz hat hier einen interessanten Vorschlag:

Zum Schluss mag festgehalten werden, dass jedes leistungsgerichtete Handeln stets neu überdacht werden muss, weil sich die begleitenden Umstände ständig ändern. In der Analyse muss im Misserfolg nicht nur das Schlechte und im Erfolg nicht nur der Königsweg gesehen werden. Das Vorgehen muss dem Standard moderner Trainingsmethodik standhalten können. Eingeschlagene Handlungsweisen sind keine Geheimrezepte sondern sollen immer auf ihren Zweck hin erklärt werden. Es gibt kein „Wunderprogramm“ im Training. Jedes angewandte Trainingsmittel beinhaltet eine Zielsetzung. Lediglich die richtige Dosierung der Reize mag eine ganz besondere Fähigkeit guter Trainer sein.

Zwei erfolgreiche amerikanischer Basketballtrainer sehen das so:
„Harte Arbeit garantiert nichts, aber ohne sie bist Du verloren!” (Chuk Daly)
und John Wooden stellt fest, dass das Bestreben, in Training und Wettkampf alles zu geben, mehr wert ist, als das Ergebnis, also Sieg oder Niederlage:
„Erfolg ist die innere Ruhe, die sich direkt herleitet aus der Zufriedenheit zu wissen, Du hast alles getan, was irgend möglich war, um das Beste aus Dir zu machen”. (Zitat gefunden bei Kai Scholz in Leichtathletik Training 07/Ausgabe Nummer 7)
Fotos: © Theo Kiefner
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