Essstörungen zerstören die Karriere, Anorexia nervosa -“Ana“- oft sogar das Leben
Leistungsverluste durch Ernährungsdefekte
23. Mai 2007 (Pöhlitz) - Auf dem langen Weg zu sportlichen Spitzenleistungen in den Lauf- und Gehdisziplinen mussten in den vergangenen Jahren durch Essstörungen bis hin zur Magersucht (Anorexia nervosa), Bulimie (Ess-Brechsucht) und Zyklusstörungen beträchtliche Verluste hingenommen werden. Talentierte Läufer/Innen konnten ihre mögliche Leistungsperspektive nicht entfalten, blieben auf der Strecke, weil sie durch verschiedene Einflüsse falsche Vorstellungen vom Idealtyp des Läufers aber auch zu geringe Kenntnisse über die notwendigen Leistungsvoraussetzungen hatten, meinten, dass man je leichter um so schneller laufen oder gehen könne.
Dazu war die vor Jahren von Manfred Steffny im Spiridon geprägte Orientierung: „vorne laufen die Bleistifte, hinten die Radiergummis“ für alle Betroffenen, aber auch für die Trainer, keineswegs hilfreich. Der Spruch sitzt leider fest und wird heute noch zitiert! Dabei soll von vornherein klargestellt werden, dass dies nicht allein ein Thema für Frauen ist, wenn auch der prozentuale Anteil der Erkrankten Männer – bei hoher Dunkelziffer – geringer ist. Dabei achten nicht nur Schwule, Jockeys, Modells oder in den letzten Jahren offensichtlich auch Skispringer auf das angestrebte manchmal auch noch mit einem schlanken Schönheitswahn verbundene „Federgewicht“. Von den weltweit vielen Hunderttausenden sollen bereits 10-15 % ihre Besessenheit, diese psychische Erkrankung, mit dem Tode bezahlt haben. Außerhalb des Sports hat sich aktuell eine Bewegung namens „Pro Ana“ etabliert, die mit großem Beifall die gerade von Amerika herübergeschwappte Jeansgröße Null (Maße einer Zwölfjährigen) begrüßen, um sich nach außen sichtbar von der Masse abzuheben.
Das glücklicherweise der Anteil der LeistungssportlerInnen an dieser Krankheit relativ gering ist, sollte uns auf Grund der geschilderten Tendenzen nicht unaufmerksam werden lassen, zumal nicht selten richtige Talente darunter sind. Die Aussage einer Psychologin in den 80iger Jahren, dass sie gerade eine Violinistin in Behandlung hätte, „die geigt 8 Stunden hintereinander, nur um nicht Essen zu müssen“ beruhigte mich damals nur insoweit, dass wir nicht allein mit diesem Problem befasst waren. Durch mannigfaltige Einflussfaktoren wie falsche bis zu „keiner“ Ernährung (ein Glas Wasser zum Salatblatt), falsche Essgewohnheiten, übertriebener Ehrgeiz, ungelöste Bezugskonflikte im Elternhaus/Familie/Schule, vielleicht auch genetische Faktoren, Leistungsdruck, falsche Figurvorstellungen, vermisstes Selbstwertgefühl, Störung der Körperwahrnehmung, ungenügendes Wissen über eine optimale Energieversorgung für das Leistungstraining, falschem Trainerehrgeiz mit unpassenden Ansprachemethoden u.a. entsteht ein Missverhältnis zwischen erforderlicher Trainingsbelastung, notwendiger Energiebereitstellung, Belastungsverarbeitung, Regeneration, physischer und psychischer Leistungsfähigkeit und auch Leistungsbereitschaft.
Unter diesen Gesichtspunkten muss allen klar sein, dass sich die Betroffenen unter einem zunehmenden Druck befinden, bestimmte Leistungen erbringen zu wollen oder auch zu müssen, dem sie aufgrund biologischer, genetischer, psychischer oder und familiärer Einflussfaktoren auf Dauer nicht gewachsen sind. Der zunächst selbst gewählte Lösungsweg „abnehmen“ wird zum Zwang, zur Sucht, der sie schließlich hilflos ausgesetzt sind! Wenn das Umfeld irgendwann, nach einer ersten „Wegsehphase“, bereit ist darüber zu reden, ist es meist schon zu spät. Die Trainer sind oft die naheste Bezugsperson, deshalb müssen sie sehr früh energisch handeln, solche gefährdeten Sportler/Innen möglichst früh therapeutischer Hilfe zuführen! Beraten Sie sich immer mit einem Arzt und Fachpsychologen. Es ist große Gefahr im Anzug. Vielleicht setzen sie wenn nötig auch das letzte hilfreiche Mittel ein: Trainingsverbot!

Körperliche Beeinträchtigungen, Leistungsverluste treten oft erst nach längeren Zeiträumen einer Mangelernährung ein. Hinweise erhält man bereits im weniger fortgeschrittenen Stadium durch Elektrolytstörungen (Mineralien, besonders Kalium), das Immunsystem schwächelt, Störungen im Eisenstoffwechsel, Ermüdungsbrüchen nicht nur an den Füßen, sondern z.B. auch im Bereich des Beckens und Zyklusstörungen. Beobachtungen lassen den Schluss zu, dass die vom Athleten verstärkt eingesetzten Ersatzlösungen wie Vitamintabletten, Elektrolygetränke, Literweise Mineralwasser und Mineralien längeranhaltende Mangelernährungen nicht kompensieren. Das Gewicht sinkt „sichtbar“, die Muskulatur wird „als Energiereserve“ abgebaut, die Infektanfälligkeit auch durch zunehmende Kälteempfindlichkeit, nimmt zu, die Regenerationszeiträume nach hohen Trainingsbelastungen und Wettkämpfen verlängern sich, die Sportler sind oft müde, immer öfter verletzt, klagen immer öfter über Magen-Darmprobleme, die für den Leistungsfortschritt notwendig hohen Geschwindigkeiten sind immer öfter nicht mehr zu leisten, in Wettkämpfen werden die letzten Viertel mehr und mehr zur Qual.
Verhaltens-Charakteristiken und Symptome von Athleten mit Anorexia
- Auffälliger Gewichtsverlust
- Dehydration
- Umgehung von Essen bzw. Essensituationen
- Ungewöhnliches Wiegeverhalten
- Meiden des sozialen oder sportlichen Umfeldes
- Schlafprobleme und Depressionen, Ruhelosigkeit, Hyperaktivität
- Knochendichteprobleme und Streßfrakturen
- Muskelschwäche bis zu Muskelabbau, verstärkte Müdigkeit
- Menstruationsprobleme, Amenorrhoe
- Sprechen gern über Essen und Ernährungsprobleme anderer
- Fühlen sich immer noch zu dick, obwohl sie schon auffällig dünn sind
- Bereitschaft zu ungewöhnlichen Trainingsbelastungen
Aufklärung und Information im Zusammenhang mit Wachstum, Knochendichteverhalten innerhalb einer Lebensperiode, Persönlichkeitsentwicklung und Ernährung sollten schon im frühen Jugendalter offensiv erfolgen und „Ausbildungsbestandteil“ sein. Das Wissen um die Krankheit und eine mit dem Leistungssport notwendig verbundene optimale Ernährung muss schon möglichst früh vermittelt werden. Kontrollen allein über die Waage reichen nicht aus. Es sollten gezielte Untersuchungen (Einzelkonsultationen) zuerst im Zusammenhang mit allgemeinen Gesundheitschecks erfolgen. Im Verdachtsfall ist eine Zuführung zu Therapeuten, die sowohl gute Kenntnisse über Essstörungen, als auch Erfahrungen möglichst aus der Sportart haben, empfehlenswert. Trainingsverbote führen in der Regel nicht zum Ziel.

Foto: Ein Glas Wasser zum Salatblatt (Pöhlitz-Foto)
© Lothar Pöhlitz



