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"Lieber Lamine . . ."

Weltverbands-Chef Diack hört Kritik aus der Leichtathletik-Szene

25. September 2006 (Hahn) - Der Schweizer Hansjörg Wirz, Präsident des Europäischen Leichtathletik-Verbandes EAA, unterliegt den Pflichten seines Amtes, das keineswegs das Nachbrüllen griffiger Parolen vorsieht. Und deswegen bewertet er den jüngsten, sehr offensiven Diskussionsbeitrag seines früheren EAA-Kollegen Luciano Barra nun auch nach zweierlei Kriterien. Erstens nach seinem Inhalt, zweitens nach seiner Form. Die Form also findet Wirz eher schäbig. Dem Präsidenten des Weltverbandes IAAF, Lamine Diack, hat Barra nämlich eine offene Rücktrittsforderung geschickt, die nicht nur an die 28 Mitglieder der IAAF-Ratsversammlung - des so genannten Councils - ging, sondern via E-Mail auch an mehrere Medienredaktionen. Und in dem Brief gibt es Formulierungen, die Wirz zu polemisch sind: "So eine Form geht sofort auf die emotionale Ebene." Aber der Inhalt? Den findet Wirz nicht schlecht. "Da gibt es verschiedene Inhalte", sagt er, "die sind als Probleme erkannt."

Der Privatier Luciano Barra aus Cortona in Italien, 64, ehemals EAA-Eventmanager und zuletzt leitender Geschäftsführer im Organisationskomitee für Olympia in Turin, hat auf seinen sieben eng beschriebenen Seiten den Frust einiger Leichtathletik-Funktionäre über Diack
bestimmt ganz gut wiedergegeben. Gerade in Europa, dem Kontinent mit den wichtigsten Meetings, fühlen sich viele gebremst von dem behäbigen IAAF-Chef aus dem Senegal. In der Tat ist Diack, 73, in den sieben Jahren seiner Amtszeit nicht gerade als Visionär aufgefallen, sondern eher als etwas fahriger Verwalter des Bestehenden. Und die Zeit ist reif für seine Gegner, sich zu formieren, denn nächsten August sind Neuwahlen, direkt vor der WM in Osaka.

Der Brief ("Lieber Lamine . . .") ist ein bisschen eitel, und er bemüht das Stilmittel der Dramatisierung. Barra schreibt: "Als mir einer der besten IAAF-Organisatoren zu meiner Arbeit bei Olympia gratulierte, sagte er: ,Kein Skifahrer in Turin ist so schnell abwärts gefahren wie unser Sport im Moment."" Aber seine Vorwürfe sind gut ausformuliert und mit Zahlen belegt.
Barra beklagt Diacks mangelnde Reformfähigkeit, zweifelhafte Investitionen sowie einen Schwund an Fernsehzeiten und Sponsoren-Engagement. Sogar eine gewisse Anarchie mit zu viel Macht für Manager und Athleten, die nach Gutdünken ihre stärksten Gegner meiden. Eine Abkehr von der Weltrekord-Hatz fordert er. Und in der Antidopingfrage wendet er sich gegen Diacks Forderung nach einer Sperre von vier statt zwei Jahren bei positiven Fällen. Das bringe nichts, findet Barra: "Die einzige Lösung ist, den politischen Willen und die Stärke zu haben, die Finger tiefer ins System zu legen, wenn nötig, zu ermitteln und letztlich alle im Umfeld des Athleten zu suspendieren, inklusive des nationalen Verbandes." Das klingt gut.

Die Frage ist nur, wem Barra dient. Sich selbst nicht, behauptet er ("auf keinen Fall bewerbe ich mich um irgendeinen Platz"). Allerdings genießt Barra einen Ruf als treuer Adlatus. Diacks Vorgänger Primo Nebiolo, der die Leichtathletik dem Kommerz öffnete und sie bis kurz vor seinem Tod 1999 als absoluter Herrscher prägte, diente Barra einst als ergebener Assistent. Nach der WM 1987 in Rom stellte sich sogar heraus, dass Barra, damals Generalsekretär des italienischen Verbandes, einen absichtlichen Messfehler abgesegnet hatte, der dem heimischen Weitspringer Giovanni Evangelisti Bronze brachte. Nebiolo liebte italienische Erfolge. Barra musste gehen.

Und jetzt? Es heißt, dass Luciano Barra dem griechischen Milliardär und IAAF-Council-Mitglied Minos Kyriakou nahe steht. Das könnte bedeuten, dass Barra mit seinem Angriff die Stimmung im Verband ausloten soll, damit Kyriakou seine Chancen auf eine Nachfolge Diacks besser einschätzen kann. Noch gibt es keine Gegenkandidatur, aber eine Karriere im Sport findet Kyriakou offensichtlich attraktiv, sonst wäre er kaum Präsident des Nationalen Olympischen Komitees Griechenlands geworden. Sein Interesse gilt vor allem dem Internationalen Olympischen Komitee, aber auf dem Weg dorthin kann es nicht schaden, sich als Chef des mitgliederstärksten olympischen Fachverbandes zu profilieren. Was wiederum einen etwas zu harschen Kontrast zum trägen Diack bedeuten könnte. Wie ernst Kyriakou es mit den Werten des Sports meint, ist nicht ganz klar. Seit diesem Jahr ist er auch Präsident der Internationalen Olympischen Akademie, eine Art Oberwächter der olympischen Ideale also, aber sein erster Auftritt als solcher bei der Session diesen Sommer in Olympia wirkte nicht sehr beseelt. Er kam mit dem Hubschrauber, ließ sich mit dem Golfwagen über das Gelände chauffieren, sprach ein paar routinierte Worte und flog nach ein paar Stunden wieder mit dem Hubschrauber weg. Ist das die Zukunft der Leichtathletik? Luciano Barra wird es wohl wissen.

von Thomas Hahn

mit freundlicher Genehmigung des Verfassers