2. Auflage


Neuerscheinung – Das große Laufbuch von Lothar Pöhlitz


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Kids for Olympia

Kinder wollen siegen


 23. Oktober 2006 (Pöhlitz) - Sie haben sicher schon oft beobachtet, dass Kinder beim Spielen lauthals „Erster“ herausschreien und mit dem Gefühl der Stärke immer wieder auch ohne Anleitung nach neuen Siegen streben. Beim Fangen spielen muss der Nachlaufende schneller sein als der Ausreißende, um ihn „abzuschlagen“. Schon im Kindergarten und im frühen Schulalter sind Wettläufe und Staffelspiele beliebte Formen. Dabei geht es fast immer nur um Siege, egal ob für die Gruppe oder für sich selbst. Mit Stolz kommen die Mädchen und Jungen nach Hause und berichten über ihre Siege. Man spürt, sie hatten Spaß am Wettlaufen und sie freuen sich schon auf das nächste Kräftemessen.
Glücklicherweise werden in unserer Zeit dabei keine Unterschiede mehr zwischen Jungen und Mädchen gemacht, auch wenn in manchen Regionen „Kopftuchträgerin-nen“ aus anderen Kulturkreisen sich immer noch nicht frei bewegen dürfen und im Sportunterricht oft auf der Bank sitzen. Für mich ist dies eine Form des gezielten Ausschließens, der Demütigung und des Zurücksetzens gegenüber dem auch später dominierenden männlichen Geschlecht durch ihre eigenen Familien. Und eine falsche Toleranz unserer Behörden, gegen-über den bei uns freiwillig lebenden ausländischen Gästen.
Obwohl das „um die Wette laufen“ im Kindesalter gegenüber Turnen, Schwimmen oder auch Kampfsportarten die leichteste, einfachste Form der sportlichen Betätigung ist und im Prinzip keiner Hilfen bedarf, verliert sich im heutigen Sportunterricht im Verlaufe des älter werdens dieses Spaß machende Element der frühen Kindheit immer mehr. Es mag vielfältige Gründe für dieses Phänomen geben. Sicher hat den größten Einfluß die durch die „68er-Bewegung“ ausgelöste Sportlehrerausbildung, in der das Ziel sportlicher Fitness durch „wohlfühlen“ beim „Ball über die Schnur“ über Jahrzehnte das Handeln im Sportunterricht bestimmte. Stoppuhr und Bandmaß bleiben seitdem im Schrank, die ein Spiel beaufsichtigende „Sportlehrerin“ in Rock und Stöckelschuhen am Rand ist ein Überbleibsel aus dieser Zeit und prägt heute noch sehr oft das Bild. Die Verantwortung dafür liegt bei den Schulen, seinen Direk-toren und den Aufsichtsbehörden. Das Ergebnis wird im derzeit oft durch Ärzte be-klagten schlechten Gesundheitszustand ( Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Kinder-Diabetis, Haltungsschäden, Übergewicht, ungenügende Sauerstoffversorgung – auch des Gehirns-, mangelnde Koordinationsfähigkeit usw.) vieler unserer Kinder zurecht beklagt, ganz abgesehen vom zusätzlichem Einfluss falscher Ernährung, wofür aber wohl im Elternhaus die Grundlagen gelegt werden. Sicher ist wohl, das die Ursachen nicht in zu starker Bewegung liegen.
Auch der demontierte Leistungsgedanke in der Gesellschaft mag lange seinen
Beitrag geleistet haben. Versagt hat auf alle Fälle auch der außerschulische Sport, weil bei schon zu wenigen Übungsleitern für die Jugend, für Kindergruppen immer nur wenige Qualifizierte übrigbleiben.
Auch der Begriff „Spielleichtathletik“ wurde doch wohl mit dem Hintergedanken
eingeführt die Sportart in diesem Alter nicht zu sehr mit dem Leistungsgedanken zu  verbinden. Ein kontraproduktiver Ansatz, der eine frühzeitige, leistungsorientierte Förderung von Talenten behinderte bzw. auch die Entwicklung ihrer positiven Anlagen  nicht unterstützte. Wir meinen hier in der Tat nicht alle SchülerInnen, nicht die uninteressierten, nicht die unsportlichen, nicht die mittelmäßig sportlichen, sondern die sportlich begabten, die Talente, die auch Spaß an der Leistung haben. Leichtathletik bedeutet auch heute noch „schneller – höher -  weiter“, Stoppuhr und Bandmaß sollten wieder zum Handwerkzeug auch im Kindertraining werden.
Trainer müssen wieder organisieren, dass Denjenigen ( nein nicht alle ! ), die im frühen Kindesalter bei Wettläufen mit Begeisterung „Erster“ schreien, zumindest im außerschulischen Sport, das siegen wollen nicht abgewöhnt wird und sie zum Wettkampf auch die Gelegenheit bekommen. Und die Schulsportlehrer muss man bitten, dass sie dafür sorgen, dass sich die Kinder im Sportunterricht wieder „bewegen“: Für Schnelligkeit und Ausdauer braucht man keine Geräte. Die Grundlagen für eine systematische Leistungsentwicklung, wie Kondition, Ausdauer, Beweglichkeit, Kraft und Schnelligkeit werden im Verein entwickelt. Dabei darf der Spaß am leistungsorientierten Üben nicht auf der Strecke bleiben. Fortschritte in Zentimetern und Sekunden sind die Triebfeder für neue
Anstrengungen und eine wichtige  Voraussetzung dafür, das der Nachwuchs bei der Stange bleibt. Lobenswert wäre dabei die tägliche Sportstunde. Sie würde gleichzeitig einen großen Beitrag für unsere Volksgesundheit leisten ! Sicher gibt es hier und da Pfiffige die über die Fähigkeiten verfügen, so etwas zu organisieren, vielleicht gemeinsam in Schule + Verein. Der DLV würde bestimmt hohe Ehren zumindest vom DOSB erfahren, wenn in einer großen deutschlandweiten Aktion „ wir verdoppeln die Anzahl der Übungsleiter in allen unseren Vereinen“, die Grundlage für ein verbessertes Kindertrainingsangebot gelegt werden könnte.
Anerzogen werden sollte das Kernstück, das „Siegen wollen“. Diese Fähigkeit brau-chen sie, auch wenn es später nicht zum großen Wurf reichen sollte, in der Schule, im täglichen Leben, auf alle Fälle in der Zukunft im Beruf. Jugendliche, die regel-mäßig zum Training gehen werden auch höchst selten mit Drogen konfrontiert. Die Bereitschaft zu regelmäßiger sportlicher Betätigung, verbunden mit Ehrgeiz zum Sieg findet sich schon früh in der Kindheit. Hier sollten wir wieder ansetzen, wenn wir eines Tages in der Leichtathletik und anderen Sportarten wieder zu den Besten gehören wollen. Andererseits könnten wir damit einen wichtigen Beitrag zur wieder verbesserten Gesundheit unserer Kinder und Jugendlichen leisten. Vielleicht denken sie einmal darüber nach, auch wenn Sie nicht in jeder Hinsicht meiner Meinung sind.


von Lothar Pöhlitz